Alle Neune

Im Gespräch unter Jung-Müttern kommt das Thema eigentlich immer zur Sprache. So auch heute. „Na, willst Du noch mehr Kinder?“ Fazit: Die meisten Mütter wollen noch eins, also insgesamt zwei, hatten sich aber vor der Geburt tendenziell immer eins mehr, also z.B. drei, gewünscht. Manche sind sogar so beschäftigt mit dem ersten Kind, dass sie die Entscheidung, überhaupt noch eins zu bekommen, ziemlich gründlich überlegen und sie sagen sich sogar: Eins ist doch eigentlich auch schön. Wie konnte es passieren, dass nur zwei Generationen vor uns die Frauen ohne mit der Wimper zu zucken, neun Kinder auf die Welt schoben, lieben lernten und grosszogen? Man stelle sich das einmal vor: Neun hungrige Mäuler, ja eigentlich elf, denn Mama und Papa wollen auch essen. Und der Herd war nicht grösser als heute. Man stelle sich vor was für eine Menge an Lebensmittel da täglich, wöchentlich angeschafft oder produziert werden mussten. Man stelle sich vor, wie viele tausend Windeln gewechselt werden mussten. Windeln aus Stoff!!! Berge an Wäsche und die mussten dann auch noch aufgehängt werden. Kein Tumbler der Energieeffizienzklasse A. Wie viele Liter Milch gefüttert werden mussten. Wie viele Monate man schwanger war. Wie viele Hausaufgaben angeschaut werden mussten. Wie oft man Pflaster kleben musste, wie oft zeigen, wie man Schuhe bindet, wie oft Haare bürsten, Hände waschen, Zähne putzen… Wenn ich heute meine Oma frage, wie sie das mit neun Kindern geschafft hat, zuckt sie nur mit den Schultern. Sie hat offenbar vergessen, wie das war und lächelt nur, dass sie mich überhaupt nicht als „Mütterchen“ vorstellen konnte. *grmpf* Also entweder war meine Oma eine Superheldin mit Superkräften und Energie für zehn (lag’s an den Kartoffeln?) oder wir heutigen Mütter sind lasche Schlappschwänze, total unbelastbar, elende Geschöpfe, einfach bemitleidenswert. Oder es war früher einfach alles besser. Einfacher. Vielleicht weil man die Kinder von Anfang an viel strenger erzog und weil sie von Anfang an mithelfen mussten wie Knechte und Mägde. Vielleicht weil die kleineren Kindern von den Grösseren betreut wurden. Vielleicht weil man die Kinder ziemlich sich selber überliess und das Vertrauen in sie hatte, dass es gut kommt. Und ist unsere Eltern sind ja gut gekommen, oder? Früher gab es ja auch nicht tausend Ratgeber und Meinungen und sogenannte Experten, die’s gut meinten. Dafür die Grossmutter, die Magd, die Tante und der Pfarrer, die bei der Erziehung halfen. Und wie man in einem Interview mit der Psychologin Gaby Gschwend im Migros Magazin richtig nachlesen kann, war „Mutterschaft ja noch nie so isoliert wie heute, wo Frauen nicht mehr gemeinsam erziehen. Wenn eine Frau mit ihrem Kleinkind Tag für Tag allein in der Dreizimmerwohnung sitzt, generiert das Frust.“ Und ist anstrengend. Es lebe die Gemeinschaftserziehung. Nur will heute niemand mehr, mit der ganzen Sippe unter einem Dach leben. Also muss wohl oder übel die Krippe ein Stück weit diese Gemeinschaftserziehung simulieren. Und/oder dann wieder könnten sich Mann und Frau die Erziehung aufteilen. Beide arbeiten rund 60%, das heisst je 3 Tage. Jeder hat also 2 Tage mit dem Kind und 1 Tag ist das Kind in der Kita oder entsprechend mehr, falls mehr als 60% gearbeitet wird. Das alles würde den genannten Frust reduzieren.

Dennoch: Wer heute mehr als drei, vier Kinderlein bekommt, ist… entweder ein totales Familientier ohne jegliche Ich-Bedürfnisse, hat Energieüberschuss und kommt mit 4 Stunden Schlaf bestens aus oder lebt in einer WG und teilt sich die Erziehung mit mehreren, anderen Erwachsenen. Hmm… Würden wir mit unseren kinderlosen Freunden zusammenleben und sie sich an der Erziehung beteiligen, also auch ihren Part für die Zukunft der Menschheit und für eine florierende Wirtschaft leisten würden, ja, wäre das nicht ein salonfähiges Modell?

Und trotzdem: Es ist immer noch der Körper der Frau, der dauerschwanger ist, im schlimmsten Fall also dauernd kotzt und danach dauernd stillt und Alkohol nur aus der Werbung kennt. Und wie ausgeleiert sich alles nach neun Geburten anfühlt, will ich gar nicht wissen. Ich schätze, Beckenbodentraining war früher nicht minder ein Fremdwort wie Töpfchentraining.

Und nichtsdestotrotz; Ich bewundere meine Oma. Sie hat neun Kinder auf die Welt gestellt. Die haben wiederum Kinder und auch die Kinder haben Kinder. Eine riesige Familie. Ein schönes Gefühl. Und obwohl meine Oma kleiner ist als ich, habe ich bei solchen Familienanlässen immer zu ihr aufgeschaut. Nur dank ihr allein (naja und Opa hat auch was beigetragen ;), waren all diese unterschiedlichen Menschen da. Und sie sass immer seelenruhig wie ein Fels in der Brandung mittendrin und genoss. Zufrieden. Mit sich und mit ihrer Arbeit. Sie muss Unglaubliches geleistet haben.

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