Neue, alte Wohn- und Lebensformen

Als ständig überforderte Praktisch-Vollzeit-Mutter mache ich mir ständig Gedanken darüber, wie man das Leben mit Kindern für alle optimieren könnte. Schon ein paar Mal habe ich über „zukunftsweisende“ Wohnprojekte gelesen, sogenannte Generationenhäuser, welche Alters- und Familienwohnungen kombinieren oder Projekte, die eher Kommunen oder WGs gleichen, da sie auch Räume vorsehen, die gemeinsam genutzt werden, Küchen und Ess- oder Aufenthaltsräume, die vorsehen, dass die Bewohner sich aktiv einbringen, „Ämtli“ übernehmen und so das Zusammenleben gestalten. Das gefällt mir. Obwohl es mit „Zukunft“ betitelt wird, ist es eigentlich nur ein Weg „back to the roots“, zurück in die Sippengesellschaft wie sie heute meist nur noch die Naturvölker kennen. Ich schätze diese Ideen kommen für die meisten noch zu früh, geht doch der Trend immer noch Richtung Kernfamilie und Eigenheim. Wer wünscht sich nicht ein hübsches Häuschen mit Garten? Wir ja auch und so eins werden wir auch bauen. Dennoch: Diese „Isolation“ führt, wie ich hier immer wieder erwähne, dazu, allein auf weiter Flur zu stehen mit den Kindern. Das ist der Preis, den wir für unseren Individualismus zahlen.
Wo vorher ein ganzes Dorf Deine Kinder erzogen hat, bist es heute Du allein. Du und Dein Mann. In der Regel. Oft. Das führt nicht selten zu Frustration, Reduktion oder Einstellung der Berufstätigkeit und mangelnder Beziehungspflege. Kinder betreuen ist zeit- und ressourcenintensivste Arbeit. Und bitte motzt jetzt nicht, dass es auch schön ist, klar ist es das, aber das ist jetzt grad nicht das Thema, sondern wie man das ganze so gestalten kann, dass niemand zu kurz kommt. Denn, wie ich spasseshalber erst zu meinem Mann gesagt habe: Kindergarten und Schule wurden doch nur „erfunden“ weil man es einem Elternpaar nicht zumuten kann, über mehrere Jahre hinweg während 24h für ihre Kinder dazusein. So.
An diesem verlängerten Wochenende haben wir intensivst erfahren dürfen wie ein solches „Kommunenleben“ aussehen könnte und wie angenehm es plötzlich sein kann, wenn man sich die Kinderbetreuung teilen kann. Es ist eigentlich ganz einfach. Kinder alleine geben zu tun, Kinder zusammen weniger. Konkret: Normalerweise verbringen wir das ganze Wochenende damit, uns mehr oder weniger mit unserem Sohn zu beschäftigen. Das ist schön aber zeitweise sehr anstrengend denn er ist noch nicht in einem Alter, in dem er sich länger selber beschäftigen kann und so müssen wir doch froh sein, wenn wir alles unter einen Hut bringen: Kochen, Putzen, die Kinder versorgen… Zeit für uns bleibt da nur wenn Junior schläft.
Nun hat er aber mit unseren Nachbarskindern gleichaltrige „Gspänli“ und wann immer diese draussen vor der Terrasse erscheinen, will er zu ihnen. Auf allen Terrassen gibt es Sandkästen und Spielzeug. Und so kam es, dass die drei Kinder (und gestern waren sie zu zweit) mal bei Familie A, mal bei Familie B, mal bei uns waren und spielten. Damit die Eltern nicht dauernd dabei sein mussten, schauten einfach jeweils diejenigen, bei denen die Kinder grad verweilten. Und da die Kinder ja sich selber hatten und zufrieden miteinander spielten, hatten die Eltern nicht viel zu tun. Sie spielten so friedlich, dass gar nicht gross eingegriffen werden musste. Für meinen Mann lag also fast ein ganzes Formel-1-Rennen drin und auch ich konnte ohne schlechtes Gewissen die Wäsche erledigen alsbald meine Maus mal schlief. Am Abend waren die Kids glücklich und erschöpft vom vielen Draussen spielen. Es gab fast kein Ende. Am Sonntagabend befanden sich etliche Kinder vom Block und solche, die zu Besuch waren, und auch deren Eltern draussen. Es war schön, einmal einfach nur zu beobachten. Viel zu selten kommt man in diesen Genuss, weil man als Eltern meist einfach nur handeln muss. Kollege M und mein Sohn spielten also gestern fast den ganzen Nachmittag gemeinsam, mal hier, mal da. M schaute sogar rein als wir zu Abend assen und so setzten wir ihn zu uns an den Tisch. Es war richtig schön, zu sehen, wie die beiden ihre Spareribs benagten, miteinander „plauderten“, im Rahmen ihrer sprachlichen Möglichkeiten, und lachten. Es fühlte sich an wie eine grosse Familie und ich fand das richtig toll. Ich spinnte meine Gedanken sogar weiter und dachte, es wäre doch für alle eine Erleichterung, wenn die Mutter von M und ich diesen „Kinderaustausch“ institutionalisierten und einen Nachmittag in der Woche bestimmten, an dem die Kinder mal bei mir, mal bei ihr, spielten. So ein Nachmittag kostet in einer Spielgruppe locker 25 Franken. Dieses Geld wäre so gespart. Und wäre mal was, wäre die eine Mutter nur eine Tür weiter erreichbar (wenn man das so ausmacht, dass man zuhause bleibt). Ich käme in dieser Zeit dazu, zu haushalten (im Rahmen der Möglichkeiten, da mein Baby ja noch bei mir ist) oder sogar etwas zu arbeiten (man rechne sich das erst aus, wenn das Baby gross genug wäre, auch auswärts zu spielen). Da kämen dann zu den ersparten 25 Franken gleich noch der Verdienst für das Arbeiten oder die Ersparnis für die Putzfrau, die ich sowieso nicht habe, aber egal 😉 Man kann das Ganze noch weiter spinnen: Wieso gibt es diesen Austausch nicht unter den befreundeten Müttern, die ich sowieso regelmässig treffe. Nur zwei, drei Mal haben meine Kollegin aus Ruggell und ich das praktiziert. Es hat immer hervorragend geklappt. Dafür müssen natürlich beide Mütter offen sein. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht alle sind und natürlich spielt auch der Fahrtweg eine kleine Rolle.
Anderes Beispiel: Ich treffe mich jede Woche mit drei weiteren Müttern und ihren Kids zum „Playdate“. Die Kinder sind mehr oder weniger ein Selbstläufer. Wir greifen nur ein wenn sie sich raufen oder auf die Birne geben. Und füttern und wickeln natürlich. Schon öfter habe ich mir gedacht, dass wir eigentlich alle, soweit ich weiss, Jobs haben, die sich zu einem grossen Teil vor dem PC also zuhause, erledigen lassen können. Für die meisten Bürojobs reichen ja heute ein PC und ein Telefon vollkommen aus, wo man arbeitet, ist egal. Wie also wäre es, wenn jeweils eine Mutter sich an diesem Nachmittag ins Nebenzimmer zum Arbeiten zurückzieht und nur gerufen wird wenn dringend nötig (wenn z.B. das Kind einen Salto vom Sofa gemacht und sich den Kopf heftig angeschlagen hat)? Würden wir das verfolgen, wären wir plötzlich Ressourcen, Arbeits- und Betreuungsressourcen, und nicht nur Mütter und Chaosverhinderer.  
Ein weiteres Beispiel ist die auch schon oft erwähnte Wohnung gegenüber, die gleich gross ist wie unsere aber nebst der Kernfamilie noch ein Grosselternpaar beherbergt, das einen grossen Teil der Kinderbetreuung übernimmt. In einem dieser neuen Wohnprojekte hätten die Grosseltern wahrscheinlich ihr eigenes kleines Refugium und vielleicht würden sie mit anderen Senioren eine Gemeinschaftsküche teilen. Die Familie hätte auch ihre eigene Wohnung. Denkbar wäre auch, dass Patchworkfamilien, die sich gut verstehen, sich in einem solchen Wohnprojekt einnisten. Die Beziehung der Halbgeschwisterkinder würde so enorm gestärkt. Die „Kernfamilien“ würden wiederum in ihren eigenen Wohnungen leben, die Gemeinschaftsräume und grosszügigen Aussenbereiche (mit Spielplatz und Terrasse) sorgen für Begegnung. Die Betreuung wird nicht zwischen Mutter und Vater sondern zwischen zwei Elternpaaren aufgeteilt. Vier Personen also. Da werden Kita und Mittagstisch überflüssig.
Und so, durch geschicktes „Children-Sharing“ unter Freunden und Nachbarn, werden Ressourcen frei, Beziehungen gestärkt, Ausgaben eingespart. Und dadurch ersetzen diejenigen, die sie nicht haben, die Sippe, die so nötig ist, damit alles rund läuft.

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