Buchrezension: Maya Dähne: Deutschland sucht den Krippenplatz

Die deutsche Journalistin Maya Dähne hat ein sehr kurzweiliges Buch über die Irrungen und Wirrungen rund um das Suchen und Finden eines Kitaplatzes für ihre Kinder geschrieben. Ein sehr persönliches Buch, das aber auch Zeit wie die Fremdbetreuung in Deutschland funktioniert. Die ist nämlich bei weitem nicht so hübsch geregelt wie z.B. hier in Liechtenstein.
In Deutschland gibt es, je grösser das Dorf bzw. die Stadt, desto mehr Auswahl an staatlichen und privaten Institutionen, in denen Kinder betreut werden. Es gibt Kita-Gutscheine und die verflixte „Feggi-Mühli-Situation“, in der viele Frauen stecken: Einen Kita-Platz gibt es nur wenn man nachweisen kann, dass man einen Job hat. Einen Job bekommt man erst, wenn man nachweisen kann, dass man einen Kita-Platz hat. Äh… ja… es muss also unweigerlich getrickst, gelogen und bestochen werden (wahlweise mit Kuchen oder barem Geld, je nach Prestige der Kita).

Oder aber es ist Elternengagement gefragt: Die Putze ist krank, wer reinigt am Donnerstag die Böden? Wer kann den heute mittag mal für alle kochen, der Azubi hat ’ne Prüfunge… Wer organisiert dies, wer jenes?
Klare Sache auch, dass Abholzeiten mit Jobpräsenzzeiten kollidieren, dass eine autolose Mutter ständig auf den ÖV rennt, zwischendurch noch schnell beim Bio-Supermarkt Gemüse holt und abends einen Berg Wäsche sortieren muss bevor sie total erledigt noch im Businesskostüm steckend auf dem Badezimmerboden einnickt.
Maya Dähne schildert amüsant und, schön in Kapitel gegliedert, die Hürden, welche Eltern in Deutschland nehmen müssen um eine halbwegs professionelle, leistbare Kinderbetreuung zu finden. Auch andere Themen rund um die Work-Life-Balance kommen zur Sprache. Was ich ebenfalls als ganz wichtig erachte, ist, dass Dähne die Arbeit der Betreuer (Kleinkinderzieher etc.) anspricht. Benötigt man heutzutage für diese wertvolle Arbeit doch schon annähernd einen Universitätsabschluss, wird aber kaum besser bezahlt als die Kassiererin bei Aldi. Ziemlich unfair, v.a. wenn man bedenkt, dass diese Leute die kommende Generation an Leistungsträgern für die Wirtschaft heranzieht. Ich zitiere deshalb mal:

Eine Studie hat „nachgewiesen, dass frühe Investitionen in Krippe und Kita die Zahl der Gymnasiasten erhöht. (…) Ein Gymnasial-Abschluss erhöht die Wahrscheinlichkeit, ein höheres Lebenseinkommen zu erzielen. (…) So ergibt sich pro betreutes Kind ein durchschnittliches Brutto-Mehreinkommen von 21’642 Euro.(…) Jeder in Krippen, Kitas und Erzieherinnen investierte Euro bringt satte sieben Euro zurück.“

Auch das längst nicht ausdiskutierte Thema von Teilzeitjobs und Väterzeit kommt zur Sprache. Dähne sagt, dass Eltern geschenkte Zeit weit nötiger hätten als mehr Geld und Ganztageskrippen. Denn die modernen Eltern von heute bekommen Kinder nicht als Feierabendprojekt sondern sie wollen sie auch aufwachsen sehen und mitprägen fürs Leben, sie nicht nur täglich „abschieben“ um sich ins Hamsterrad im Büro zu schmeissen. Immer mehr wünsche sich die „überforderte Generation“ Pausen um zu leben, eigenen Ideen und Wünschen nachzugehen, unabhängig davon ob Kinder da sind oder nicht.
Dähne nennt auch Beispiele, in denen Väter Elternzeit nahmen und danach eine Teilzeitstelle fanden, was ja leider immer noch die Ausnahme ist. Ich zitiere nochmals:

„Das Familienministerium macht derweil (…) Werbung für „familienbewusste“ Arbeitszeiten. „In jedem Erwerbsleben gibt es Phasen mit besonderen familiären Herausforderungen – unser Ziel ist eine bestmögliche Rücksichtname und Unterstützung.“

Auch immer weniger Führungskräfte hätten Lust aud Dauerbüropräsenzen und Hierarchiegerangel. Das Führungskräfteseminar am Wochenende war früher ein Wunschtraum, heute bevorzuge man, mit seinen Kindern zum Zoo zu fahren oder mit ihnen ein Fussballmatch zu besuchen.
Ich kann das Buch jedem empfehlen, der sich (vielleicht auch beruflich oder auf politischer Ebene) mit den genannten Themen auseinandersetzt bzw. -setzen möchte und jeder Mutter und jedem Vater, die/der den „alltägliche Wahnsinn zwischen Kita und Karriere“ bestens kennt. Schön wäre wirklich, wenn das Buch mal jmd liest, der den Mut hat, die Welt zu verändern.

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