Das Gegenbeispiel

Ich wurde heute darum gebeten, einmal über eine Mutter zu berichten, die ihrem Kind zuliebe auf eine Karriere auf der Ebene der Chefetage verzichtet hat. Ich kenne kein aktuelles Beispiel. Aber eines aus 1981. In diesem Jahr kam ich auf die Welt. Mein Vater arbeitete als Automechaniker, meine Mutter hatte eine verantwortungsvolle Stelle im Treuhandbereich. Ihr könnt Euch wohl vorstellen, wer mehr verdiente… Und so war das natürlich zwischen meinen Eltern auch ein Thema. Mein Vater wäre bereit gewesen, zuhause zu bleiben. Aber aus diversen, persönlichen Gründen, darunter v.a. ein Personalwechsel in der Chefetage der Treuhandfirma, für die meine Mutter arbeitete, zog sie es vor, als Hausfrau und Mutter zuhause zu bleiben und ihren Job zu kündigen. Natürlich war ein bedeutender Grund auch, dass sie mich aufwachsen sehen, ganz Mama sein wollte. Inwiefern die Gesellschaft eine Rolle spielte, weiss ich nicht mehr. Mein Vater wäre damals sicher auf weiter Flur der einzige Hausmann gewesen…
Nun, eines steht fest, egal ob sich meine Mutter oder mein Vater um mich gekümmert haben, ich schätzte es ausserordentlich, dass immer jemand zuhause war. Wir wohnten direkt nach der Schule. Am Mittag kochte Mama und mein Vater und ich kamen zum essen. Liess ich das Schulbuch liegen und meine Mama war zuhause, konnte ich es noch schnell vor Unterrichtsbeginn holen (das ging natürlich nur wegen der kurzen Distanz 😉 Ich hätte sogar in der grossen Pause nach Hause gehen können (und habe das vlt auch ein paar mal gemacht). Nach Schulschluss war meine Mutter selbstverständlich zuhause. Meist werkelte sie irgendwas im Garten. Fand ich sie nicht gleich, bekam ich schnell Panik (meist war sie dann ins Gespräch mit der Nachbarin am Zaun vertieft und hörte mich nicht… 😉 Auch wenn sie mal unterwegs war und aufgehalten wurde, hockte ich meist ungeduldig auf der Treppe vor dem Haus und äusserte dann meinen Unmut (jaja, undankbares Gör 😉 oder meine Befürchtungen, es wäre ihr etwas zugestossen (gluckenhaft geht also auch umgekehrt 😉 …
Wie auch immer. Ich kam nach Hause und konnte abschalten, zur Ruhe kommen. Ich zog mich um und bekam einen Zvieri und konnte dann in aller Ruhe die Hausaufgaben machen und spielen. Auch später noch, im Gymi, war das Elternhaus meine Insel. Wenn ich mir vorstellen müsste, dass ich nach der Schule noch dort bleiben hätte müssen… nein Danke. Zur Ruhe kommen kann man nur daheim. Klar, ab und zu konnte sie mich nicht pünktlich abholen, da lief ich eben hoch zum nur wenig entfernten Arbeitsplatz meines Vaters oder klingelte bei der Oma, die direkt neben der Garage lebte. Da hatte ich schon Glück. Ich wusste immer, wohin ich konnte.
Aber meine Mutter war immer da. Für Hausaufgaben, zum Lernen, egal. Ich hatte lange keinen Hausschlüssel, brauchte ich ja auch nicht. Ganz selten wäre ich froh gewesen wenn sie sich eben tatsächlich mal verspätete. Aber ich hab dann halt bei der Nachbars-Oma geklingelt oder bei meiner Schulfreundin ganz in der Nähe. Alleine ins Haus zu kommen wäre für mich unvorstellbar gewesen. Heute müssen das zum Teil schon 8-Jährige weil beide Eltern arbeiten (müssen).
Hat meine Mutter ihre Entscheidung bereut? Ich weiss es nicht… Ich glaube, sie war gerne zuhause. Sie liebte ihren Garten, in dem sie sehr viel Zeit verbrachte. Ab und zu hat sie sich sicher überlegt, wie es gewesen wäre, wenn sie weiter gearbeitet hätte, vlt v.a. weil sie sich dann weniger um die Finanzen sorgen hätte müssen (was sie ständig tat obwohl ich nie das Gefühl hatte, dass wir auf etwas verzichten müssen, aber das lag wohl auch an ihrem beruflichen Hintergrund 😉 Ich lebte fast wie ein Einzelkind, da mein Bruder gut 16 Jahre älter ist, ich erinnere mich also nicht daran, dass meine Mutter aktiv mit mir spielte. Vielmehr war es so, dass ich mich sehr gut selber beschäftigt habe. Ich zeichnete oft und viel. Tonnenweise Papier malte ich voll. An die Kleinkindzeit erinnere ich mich wahrscheinlich nicht mehr. Meine Mutter nahm mit mit zum Einkaufen, ins Fitnesscenter (damals ohne Kinderbetreuung aber ich malte dann eben oder turnte etwas herum, störte keinen 😉 oder zur Oma, zum Friseur, überallhin… Für mich war das nie wichtig, dass sie sich mit mir beschäftigte weil ich es ja gut selber konnte. Aber es war wichtig für mich, dass sie da war und egal, was ich brauchte, ich konnte ihr immer rufen und sie hatte Zeit. Nur wenn sie sich intensiv um etwas kümmern musste (ich erinnere mich an die Steuererklärung oder vlt einen Frauenarzttermin), dann brachte sie mich zur Oma. Ansonsten aber eher selten. Und natürlich war auch ich regelmässig bei Freunden und draussen auf Wiesen, Wald und Flur unterwegs sobald ich etwas grösser war (Primarschulalter…)
Nun kann man natürlich sagen, ich sei ja ein verwöhntes Kind gewesen. Verwöhnt mit Geborgenheit? Auf jeden Fall!

3 Kommentare zu “Das Gegenbeispiel

  1. Meine Mutter hat ihren Beruf aus Überzeugung aufgegeben, sie wollte nur für ihre Kinder da sein.
    Wir beiden Ältesten haben an freien Nachmittagen und oft auch nachts unsere kleinen Geschwister betreut, weil die Mutter schwer depressiv auf dem Sofa lag und las oder TV schaute. Die Eltern haben deswegen so oft und so böse miteinander gestritten, dass wir sie weinend anflehten, sie sollten sich endlich scheiden lassen. Aber das lag finanziell nicht drin (mein Vater war Arbeiter, wir waren vier Kinder).
    Die Lage zuhause entspannte sich erst, als die Brüder alt genug waren und sich meine Mutter eine externe Beschäftigung suchte, die sie erfüllte und die ihr gut tat. Erst dann konnte sie uns die Mutter sein, die sie eigentlich hätte sein wollen aber nicht konnte, weil sie versuchte ein Modell zu leben, das nicht ihren eigenen Bedürfnissen entsprach.
    Kinder können nur dann glücklich und in Geborgenheit aufwachsen, WENN ES IHREN ELTERN GUT GEHT.

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  2. Das klingt nach keiner schönen Kindheit 😦 Warum wurde sie denn so depressiv? War sie masslos überfordert? Mit dem Haushalt? Mit Euch? Mit allem? War Euer Vater überhaupt keine Hilfe? Hatte sie keine Eltern/Schwiegereltern od andere, die sie unterstützten? Wollte sie gar nicht so viele Kinder? Klar, meine Mutter hatte ja nur ein Kind zu versorgen, das kann man nicht vergleichen. Umgekehrt gab es wohl damals mit 4 Kindern keine anderen Möglichkeiten als zuhause zu bleiben?

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  3. Doch, natürlich hatten wir eine schöne Kindheit, nur nicht diese Weihnachtsmärchenkindheit die man scheints mit einer Hausfrauenmutter hat.
    Manchmal gefällt einem ein Paar Schuhe – aber sie passen nicht und man kriegt Blasen davon.
    Mit dem Leben ist das manchmal auch so. Da träumt sich eine junge Frau eine Kleine Farm zusammen und das Leben hält sich einfach nicht an ihren Traum.
    Es gibt Menschen, zu denen passt es einfach nicht, den ganzen Tag zuhause zu sein. Das hat nichts mit Überforderung zu tun. Es passt einfach nicht und man wird todunglücklich. Wie jeder, der den falschen Beruf hat. Mit der Aussicht, die nächsten 20 Jahre mit einer Tätigkeit zu verbringen, die Dich unglücklich macht, wirst Du noch unglücklicher.
    Zu manchen passt das Hausfrauensein und zu anderen passt es nicht. Und je weniger es passt, desto unglücklicher ist die ganze Familie. Da kann man dann noch so oft wiederholen „es ist das beste für die Kinder wenn die Mutter ganztags zuhause ist“. Wenn die Mutter dabei unglücklich ist, dann übernehmen die Kinder die Verantwortung für dieses Unglücklichsein (denn wären sie nicht da, dann wäre die Mutter ja nicht unglücklich… Kinderlogik halt). Eine unglückliche Mutter macht die gesamte Familie unglücklich! und deshalb haben Mütter die absolute Pflicht, zu sich selbe rzu schauen und ihre eigenen Bedürfnisse ebenfalls zu befriedigen! Sonst tun sie ihren Kindern nichts Gutes!

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