Unser Leben mit einem wahrscheinlich hochsensiblen Kind

Dass wir immer mal wieder „Probleme“ mit unserem Grossen haben, habe ich hier schon öfter durchblicken lassen. Lange dachte ich, dass ich ungeheuer viel falsch mache (was zum Teil auch stimmt) und immer mehr hatten wir auch die Vermutung, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Ich bzw. wir haben in der Vergangenheit verschiedene Beratungsstellen bzw. Fachpersonen aufgesucht und schlussendlich sind wir selber auf die Erklärung gestossen und haben selber in den letzten Wochen nach und nach das Gefühl dafür bekommen, was unser Sohn wirklich braucht und wie wir mit ihm umgehen. Auch habe ich zwei Bücher hier, die mir, nach der Lektüre von x verschiedenen Sachbüchern endlich „Erleuchtung“ brachten, dazu aber später mehr.

Ich bin überhaupt kein Fan davon, Kinder zu schubladisieren, v.a. seit dem ganzen Rummel um AD(H)S, deren Existenz immer wieder angezweifelt wird, verschrien als „Erfindung der Neuzeit“ und „nicht mehr richtig mit Kindern umgehen können“ und auch bei der Gabe von Ritalin scheidet sich die Welt. Darüber hinaus missfällt mir die quasi Pathalogisierung allerlei Merkmale, die beim ein oder anderen Kind etwas höher herausragen als beim anderen. So gibt es heute ja fast für jede Normabweichung eine Therapie: Logopädie, Psychomotorik und was weiss ich alles. Kaum kommt ein Kind in den Kindergarten wird es wegen mangelnder Sprachkenntnisse oder anderer Unfertigkeiten zu irgend einem Therapeuten geschickt anstatt dessen es seine wertvolle Zeit mit freiem Spiel verbringen darf, was einem Kind immer noch am meisten nutzt. Nun, wer weiss, was diesbezüglich noch alles auf uns zukommt.
Als ich zur Primarschule ging, war ich lediglich im „Haltungsturnen“, deren nutzen ich im Nachhinein nirgendwo sehe. Auch ich verwechselte z.B. „s“ und „sch“, wurde deswegen aber mitnichten therapiert. Herausgewachsen hat sich dieser „Sprachfehler“ schnell. Nun aber zu unserem Sohn…

Bei einer anderen Bloggerin hegte ich vor Monaten einmal die Vermutung, unser Sohn könnte ein hochsensibles Kind sein. Vorher hatte ich nie davon gehört. Da aber viele der erwähnten Punkte nicht zutrafen, legte ich das wieder ad acta. Es war schliesslich mein Mann, der, ich weiss nicht mehr woher, immer mal wieder den Begriff „hochsensibel“ verwendete. Nun habe ich uns noch das Buch „Das hochsensible Kind“ bestellt und zuvor auch noch etwas im Internet recherchiert und wir sind nun ziemlich überzeugt davon, dass unser Kind zu den rund 20% der hochsensiblen Menschen gehört. Und nicht nur er, auch ich bin wahrscheinlich eine hochsensible Person… zumindest bestätigte mir das ein Online-Test und ich konnte mich mit den Aussagen auch bestens identifizieren, die da z.B. waren „ist schmerzempfindlich“, „wurde als Kind als schüchtern bezeichnet“, „hat lebhafte Träume“ etc. Vielleicht war auch meine Mutter hochsensibel, wenn ich es recht bedenke…

Auch die Testaussagen für Kinder (hier ein Link zum Thema) können wir grösstenteils unterstreichen. Im Nachhinein, im Hinblick auf diesen Wesenszug, fällt es mir bei vielen Situationen, die für uns schwierig waren, wie Schuppen von den Augen:

  • Schon als Baby fiel unserem Sohn das Einschlafen, v.a. tagsüber bei Müdigkeit, extrem schwierig. Er konnte einfach nicht abschalten.
    Besonders nach der Babymassage schien er oft derart überreizt, dass er abends eine lange Weinphase hatte und kaum zu beruhigen war.
  • Die Reise nach Griechenland an die Hochzeit meines Vaters war für uns alle der blanke Horror. Kein Wunder reagierte er mit damals 15 Monaten so extrem auf die vielen Veränderungen: Neuer Ort, neue Erlebnisse (Flug), anderes Klima, totaler Verlust der gewohnten Strukturen und anderes Zeitgefühl etc. Erst nachdem wir nach den Hochzeitstagen unseren einwöchigen Strandurlaub begannen und wieder einen fixen Tagesablauf hatten, beruhigte er sich.
  • Vor ein paar Wochen bekamen wir einen neuen Tisch. Als er den nach dem Nachhausekommen (sofort) entdeckt hatte, bekam er eine regelrechte Krise. „Der Tisch muss weg, ich will ihn nicht“. Das selbe bei einer neuen Lampe in seinem Schlafzimmer, die er sich nicht selber ausgesucht hatte.
  • Vieles, was ich immer mit dem Attribut „Monk“ bezeichnete (nach der TV-Serie über einen neurotischen Privatdetektiv), erscheint mir nun, bei mir als auch bei meinem Sohn oder meiner Mutter (nachträglich gesehen) als Ausdruck von Hochsensibilität.
    • Ein Kleidungsstück, das zu eng ist
    • Die falsche Temperatur des Schoppens
    • Etwas, das nicht richtig platziert ist, so wie es soll
    • Die Schüchternheit gegenüber Fremden
    • Die grösste Mühe, mit neuen Situationen oder einem Ortswechsel (Urlaub) umzugehen
    • Das „Theater“ nach dem Aufwachen aus dem Tagesschlaf, die lange Phase, die es teils für ihn braucht um danach wieder bereit für neue Aktivitäten zu sein
    • Die Weigerung, sich an Gruppenaktivitäten (z.B. beim Muki-Turnen) zu beteiligen.

Ich könnte wohl noch einiges mehr aufzählen wenn ich nachdenken würde.
Ich bin heilfroh, dass wir nun wissen, warum unser Sohn auf gewisse Dinge einfach anders reagiert als „normale“ Kinder. Lange habe ich mich sehr aufgeregt, war sauer auf ihn, habe mit ihm geschumpfen, habe versucht, ihn zu etwas zu drängen oder zu zwingen. Wie falsch war das!
In den letzten Wochen haben wir sehr darauf geachtet, Situationen, die ihm nicht behagen könnten zu vermeiden. Das geht natürlich nicht immer. Vielmehr haben wir deshalb darauf geachtet, sanfter mit ihm umzugehen. Zu akzeptieren und respektieren wenn er überfordert war. Uns Zeit zu nehmen um innezuhalten und mit ihm zu sprechen. Langsam… Seine Ausbrüche nicht persönlich zu nehmen, denn das sind sie nicht. Das braucht viel Geduld aber ehrlich gesagt braucht es weit weniger Geduld als die Schimpf- und Zwangstiraden, die wir vorher ausübten. Ich werde nur noch selten laut oder reisse ihn am Ärmel. Und das Schöne ist: Er dankt es uns. Er dankt es uns, indem er uns immer wieder bekundet, wie lieb er uns hat. Und indem er vielleicht etwas ruhiger und noch kooperativer geworden ist.

Fast zeitgleich mit der Wahrnehmung, dass unser Sohn wohl hochsensibel ist, haben wir mit der Familienberatung beim KJPD in Sargans begonnen. Und auch dort nach rund 3-4 Sitzungen, die es brauchte um uns heranzutasten, endlich einen gewissen Durchbruch gehabt. Von einer Fachkraft zu hören, dass unser Sohn weitgehend entwicklungsgerecht ist, wenn auch intensiver als andere, tat gut. Zu hören, dass wir nichts falsch gemacht haben. Das war wichtig.
Gemeinsam haben wir einige wenige Punkte erarbeitet und werden sicher in der nächsten Zeit noch etwas mehr Einsichten gewinnen. Auch durch die Lektüre des Buches und v.a. im Alltag mit unserem Sohn.
Die letzten Wochen, in denen auch mein Mann zuhause war, haben uns sehr geholfen, haben uns neu geeint und ich hoffe sehr, dass wir auch den Alltag ohne Papa gut meistern werden.
Ich werde mich bemühen, so wenig Termine wie möglich auszumachen, mehr Zeit für und mit den Kindern zu bringen. Den Haushalt mal links liegen lassen, den Computer öfter ausschalten. Und dann werde ich wieder berichten. Drückt mir die Daumen, dass wir die Harmonie der letzten Wochen aufrecht erhalten können!

3 Kommentare zu “Unser Leben mit einem wahrscheinlich hochsensiblen Kind

  1. Hallo,

    ich freue mich für euch, das ihr auf dem Weg seit. Ich bin gespannt, wohin die Reise mit unserem hochsensiblen Kind geht. Momentan setzt es sich bei ihm allerdings und er ist deutlich weniger „anders“. Gerade entwickelt er sich sehr und kommt damit sehr gut im Alltag klar.

    Liebe Grüße
    Andrea

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