Buchrezension: Julia Heilmann/Thomas Lindemann: "Alle Eltern können schlafen lernen"

Als ich den Buchtitel das erste mal irgendwo sah, wusste ich, dass ich das Buch lesen muss, egal, was drin steht! 😉 Es ist eine Anspielung auf den furchtbaren Ratgeber „Jedes Kind kann schlafen lernen“ (JKKSL), der immer noch gedruckt wird (soweit ich weiss) obwohl es schon Petitionen dagegen gab weil sich sogar der „Erfinder“ von der im Buch beschriebenen Methode (kurz: Schreien lassen) längst distanziert hat. Das Buch ist immer noch und oft Gegenstand elterlicher Grabenkämpfe.
Jetzt aber: Das vorliegende Buch hat herzlich wenig mit JKKSL zu tun sondern kümmert sich um die verstaubten Erziehungsweisheiten, die, v.a. dank der älteren Generationen, immer noch lebendig kursieren. Beispiel: „Uns hat das auch nicht geschadet.“
Ich habe schnell gemerkt, dass ich bereits ein Buch des Autoren-Elternpaares rezensiert habe: „Kinderkacke“. Den Inhalt weiss ich nicht mehr so genau (Stilldemenz) aber die Lektüre lustig und kurzweilig. Und so freute ich mich auf das aktuelle Buch und las es wiederum innert weniger Tage durch und musste immer mal wieder ein Lachen unterdrücken (bloss nicht die schlafenden Löwen Kinder wecken!)
Julia und Thomas haben sich die zu behandelnden Weisheiten untereinander aufgeteilt und berichten jeder für sich bodenständig, witzig und sehr konkret über die Erfahrungen damit in ihrem ganz eigenen Alltag mit ihren drei Kindern (zwei ältere Söhne und ein kleines Mädchen). Und obwohl das vorliegende Werk kein Ratgeber ist/sein will, so bringen die Autoren doch einige sehr gute Tipps und Kniffe mit, die sich wunderbar umsetzen lassen und das Familienleben erleichtern können. Wie immer ein paar Zitate:

„Strafen ist grundsätzlich sinnlos.“

Kinder haben ein Recht darauf, zu jammern und die anderen müssen das eben aushalten. 

„Es geht nicht darum, dass Kinder alles dürfen. Das wäre Laisser-faire (…). Es gibt Regeln. (…) Wichtig ist, Eltern und Kinder sind gleichwertig aber nicht gleichberechtigt.  (…)
Dass die Empathie insgesamt der Schlüssel für vieles ist, besonders Erziehung, behaupte ich schon.“

„Dinge gut vorleben, zuhören, auf die kleinen Monster eingehen.“

„Wer sagt eigentlich, dass es uns nicht geschadet hat? (…) Krankheiten wie Zähneknirschen, Nackenverspannung und Burn-out sind Massenphänomene. Wir sind politisch ziellos, arbeiten zu viel und gehen nicht solidarisch miteinander um. Wie viele Erwachsene an Ängsten und Zwängen leiden, lässt sich nur vermuten. Vielleicht ist das eine oder andere leider doch auf die Erfahrungen zurückzuführen, die wir als Kinder gesammelt haben.“

Kann ich nur folgendes hinzufügen: Genau meine Rede! Es ist nicht immer einfach, dies auch so umzusetzen, empathisch zu sein, Ruhe zu bewahren, erst mal nachzufragen, auf die Kinder einzugehen wenn einem gerade das eigene Ego im Weg steht (und wann tut es das nicht? 😉 Manchmal ist der einfachere Weg (schreien, strafen, drohen…) gerade sehr verlockend. Aber wer hat gesagt, es sei einfach, Kinder zu haben? Auf Dauer führt aber nur der schwierige Weg zum Ziel, bin ich überzeugt. Und manchmal erlebt man genau in dem Moment eine Erleuchtung, wenn man schon aufgegeben hat so wie Thomas, der längst für die Kinder separates Essen zubereitet hat als sie ihm eines Abends plötzlich die Kinder die Zucchini mit Tofu und Tomaten vom Teller essen während er nur kurz in der Küche verschwunden war. Vieles ergibt sich irgendwann von selbst und dann ärgert man sich darüber wie man jahrelang erfolglos gekämpft hat…

Fazit: Sehr nettes, empfehlenswertes, anregendes und amüsantes Buch über eine ganz normale Familie, über Eltern, die sich mal Gedanken über die ganzen, zum Scheitern verurteilten 08/15-Weisheiten gemacht haben und es gewagt haben, sie auseinanderzunehmen und sich ihnen zu widersetzen. Mit dem Resultat, dass schliesslich alles ein wenig besser läuft und auch für ein drittes Kind plötzlich nicht nur genügend Platz sondern auch Nerven vorhanden waren. Darf mit unters Kopfkissen! 🙂

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