Buchrezension: Sarah Schmid: Alleingeburt – Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie

Auch mein neuestes Rezensionsexemplar habe ich richtiggehend verschlungen. Die Thematik, Alleingeburt, fasziniert mich seit ich das erste Mal per Zufall auf die Website der Schweizerin Mary Mattiolo (freie-geburt.ch) geriet und die Geburtsberichte ihrer Kinder las. Sie klangen abenteuerlich aber so friedvoll und schmerzfrei. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, waren doch meine Geburten alles andere als schmerzfrei. Bei der ersten (Sterngucker, wie sich erst in der letzten Geburtsphase herausstellte) verlangte ich im Spital gleich nach einer PDA, bei der zweiten Geburt reichte die Zeit dafür nicht mehr (1,5h ab der ersten als Geburtswehe wahrgenommenen Kontraktion) und ich erlebte insbesondere die Übergangsphase als überirdisch heftig (Das Gefühl, in der Mitte auseinandergerissen zu werden).
AlleingeburtNun aber zum Buch… Sarah Schmid ist gelernte Ärztin und Mutter von vier Kindern. Drei davon gebar sie ohne Hebamme, eins sogar ganz allein im Wald. Das Wort „Alleingeburt“ bedeutet nicht, dass man allein gebärt, sondern einfach ohne Hebamme. In der Regel sind jedoch andere „Helfer“ anwesend, meistens der Vater des Kindes, manchmal auch noch Geschwisterkinder oder andere der Familie nahe stehende Personen. Sarah Schmid kannte ich schon vor der Buchveröffentlichung durch ihren Blog meinegeburt.blog.de, indem sie nicht nur ihre eigenen Geburten dokumentierte sondern auch immer wieder die Erfahrungsberichte anderer Alleingeburten veröffentlicht. Diese Erfahrungsberichte finde ich wahnsinnig aufregend, ich lese sie sehr gerne. Sie machen auch einen grossen Teil des vorliegenden Buches aus.
„Alleingeburt – Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie“ ist ein Buch für all jene, die sich für die Thematik einer selbstbestimmten Geburt interessieren, auch wenn sie dabei nicht unbedingt eine Alleingeburt in Betracht ziehen. Da Sarah auch ganz allgemein die Schwangerschaft, eine gute Ernährung und die Geburt sowie die Zeit danach beleuchtet, kann dieses Buch für alle schwangeren Frauen eine Bereicherung sein, wenn auch insbesondere für diejenigen, die eine besonders gute Beziehung zu ihrem Körper haben und sich zutrauen, ein Baby zu bekommen ohne den üblichen Vorsorgezirkus durchzulaufen und das Spital als einen Ort für Kranke, nicht aber für gesunde Gebärende ansehen.
Trotzdem werden Klinikgeburten weder „verteufelt“ noch Alleingeburten dogmatisch gefeiert. Sarah Schmid bleibt bei ihrer Sach- und Fachkenntnis, thematisiert aber auch die Ängste, die vielen heutzutage anhaften wenn es um das emotionale Thema der Geburt geht. Damit erfüllt dieses Buch, im deutschsprachigen Raum ist es sicher einzigartig (meines Wissens thematisiert nur Nadine Wenger in ihrem Werk „Babyglück“ das Thema ebenfalls relativ eingehend) ein aktuell steigendes Bedürfnis vieler Frauen, neue Wege im Umgang mit ihrem Baby zu gehen. Während die bindungsorientierte Elternschaft mit Stillen, Tragen, Co-Sleeping und Windelfrei schon viele Anhänger und eine hohe Informationsdichte hat, ist die logische, zeitlich vorangehende, Konsequenz dessen, das Baby selbstbestimmt zur Welt zu bringen, noch bei vielen etwas, das mit Ehr-Furcht und gebührendem Abstand betrachtet wird. Tragen kann (fast) jeder, aber sich in der Schwangerschaft und während der Geburt nicht auf ein fachliches „Back-up“ zu verlassen – das braucht schon einiges mehr an Selbst- und Gottvertrauen. Ich merke aber, wie dieses nach der Lektüre dieses Buches und v.a. nach dem Lesen der Interviews mit den Müttern (und es sind auch welche dabei, die mit Komplikationen konfrontiert waren und diese gelöst haben), die ihre Erfahrungen teilen, ansteigt. Es gäbe zwar, für mich persönlich, noch einiges aufzuarbeiten und vorbereitend zu erfahren und lernen, und ich glaube, so ganz ohne Hebamme, zumindest im Hintergrund abrufbereit, würde ich mich doch nicht wohl fühlen, aber auch eine Hausgeburt (und sogar eine Klinikgeburt mit zurückhaltendem Personal) kann mit dem entsprechenden Bewusstsein ja wunderbar selbstbestimmt verlaufen… und Hausgeburten sind erfreulicherweise wieder auf dem Vormarsch.
Sarah Schmid’s umfassendes Werk beinhaltet für mich alles Wissenswerte rund um Schwangerschaft und Geburt, illustriert mit vielen, privaten Fotos der Autorin und der Befragten (leider nur schwarz-weiss), einigen Abbildungen und mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis für die weitere Recherche. Sarah Schmid verfügt als Ärztin zweifellos über ein grosses Fachwissen, belegt ihre Aussichten im Buch aber auch mit Zitaten, Studien etc. und weiss mit ihrem frischen Schreibstil zu überzeugen.
An alle, die bisher mitgelesen und eine Alleingeburt für verantwortungslos halten: viele Geburten erfahren erst dadurch Komplikationen weil eine ungerechtfertigte oder zu frühe Intervention stattgefunden hat und/oder der Geburt nicht ihr natürlicher Lauf gelassen wurde. Beispiele dafür sind z. B. eine unnatürliche Geburtslage (im Liegen), eine PDA, Einleitung oder Massnahmen, welche die Nachgeburt fördern sollen. Und am einleuchtendsten ist immer noch das Beispiel mit den Tieren, welches auch die Autorin bringt: Keine Kuh, keine Katze etc. beansprucht einen Geburtshelfer. Die Tiere ziehen sich für die Geburt einfach zurück und beissen nach getaner „Arbeit“ die Nabelschnur ganz „unhygienisch“ durch, ohne dass das Tierbaby dadurch einen Schaden erleidet.

PS: Ebenfalls von Sarah Schmid im Verlag „Edition Riedenburg“ erschienen ist der Schwangerschaftsbegleiter „Babyzauber“ mit viel Platz für eigene Erinnerungen, Notizen und Bilder. Diese Rezension erschien in der letzten Ausgabe der Elternzeitschrift „Wirbelwind“

Hier gibt es das Buch zu kaufen:
Alleingeburt – Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie

Ein Kommentar zu “Buchrezension: Sarah Schmid: Alleingeburt – Schwangerschaft und Geburt in Eigenregie

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