Über Bindungen, Familie, Beziehungskonzepte

Manchmal bringt mich etwas zum Nachdenken und ich muss das dann irgendwie niederschreiben. Der Sinn vom Bloggen, ne? So wie heute morgen als ich von einer (erst flüchtig) Bekannten erfuhr, dass sie, ebenfalls eine Mutter zweier Kinder im ähnlichen Alter, schon seit einer Weile vom Vater der Kinder getrennt lebt. Ich weiss, das ist kein Neues Thema, Worte wie „Patchwork-Familie“ oder „alleinerziehend“ schon relativ „alt“, aber dennoch… sie ist bei weitem nicht die einzige Mutter, die ich kenne, die nicht mehr mit dem Kindsvater zusammen lebt. Ich kenne einige. Solche, die bereits in der Schwangerschaft vom Vater verlassen wurden, einige trennten sich danach, weil er oder sie fremd ging oder einer keine Lust mehr hatte… Die Mutter, die ich heute traf, trennte sich nicht unüberlegt. Es ging keiner fremd, die Luft war wohl einfach raus. Man will nicht immer fragen, man kennt nie die ganze Situation, in welcher Familien stecken und schon ganz selten kennt man beide Seiten. Und ich kenne auch (kinderlose) Ehen, in denen nach vielen Jahren der Wurm drin steckt, man sich aber dennoch entschliesst, zu kämpfen, eine Therapie zu machen etc.
Wenn keine Kinder im Spiel sind, dann denke ich, ist es relativ unkompliziert. Natürlich tut es weh, dem einen vielleicht mehr als dem anderen, aber in der Regel ist ein Ende mit Schrecken besser für beide als ein Schrecken ohne Ende…
Ist heute die Trennungs- und Scheidungsrate hoch, so war das „Aufgeben“ in früheren Generationen nicht nur relativ tabu sondern auch fast unmöglich, da man abhängig voneinander war. Die klassische Rollenteilung hielt Familien zusammen. Aber waren die Menschen dadurch glücklicher oder treuer? Wohl auch nicht, zumindest nicht alle. Es gibt ja doch immer wieder Paare, die es schaffen, jahrelang glücklich zu sein miteinander.
In der heutigen Zeit, in der Männer und Frauen immer selbstständiger sind, oft auf Achse, mit vielen Menschen in Kontakt, beruflich wie auch in der Freizeit, ist es definitiv schwieriger, bei auftretenden Unstimmigkeiten nicht gleich das Handtuch zu werfen… zumindest dann, wenn man keine gemeinsamen Kinder hat… zwar sehnen sich wohl die meisten Menschen nach Beständigkeit, nach einer festen Beziehung, jemandem, der zuhause auf einen wartet… keiner ist gerne lange alleine. Und doch ist man heute weniger „sesshaft“. Berufliche Wechsel, viele Reisen, man ist mobil, hat durch die sozialen Netzwerke auch viele Kontakte, die nicht nur eine Tür weiter wohnen… wir werden heute auch verwöhnt mit einer Vielzahl an Möglichkeiten. Konsum, Sport und Freizeit, Reisen, Bildung… warum da jahrelang den selben Partner haben? Es gibt so viele, (nette) Menschen, es lockt also auch die Abwechslung oder auch einfach: der Wunsch, begehrt zu werden, etwas für’s Selbstbewusstein…

Ich denke, es ist heutzutage eine grosse Herausforderung, Beziehungen aufrecht zu erhalten und zu pflegen und auch bei Krisen nicht aufzugeben.
Ich denke auch, dass es Mut braucht, einen Schlussstrich zu ziehen, wenn es nicht mehr geht, wenn es nur noch eine Belastung ist, wenn man nach erfolglosen Versuchen, zusammen zu bleiben, gemerkt hat, dass es besser ist, sich zu trennen.

Wenn Kinder im Spiel sind, wird zurecht länger gezögert, sofern nicht grosse, seelische Verletzungen im Spiel sind, ein Vertrauensmissbrauch, der nicht so schnell wieder gut zu machen ist. Für viele ist das ein Grund, noch über Nacht mit Sack und Pack zu fliehen. Andere geben eine zweite Chance… Schlussendlich wird man sich nie, bei niemandem, hundertprozentig sicher sein, weil kein Mensch berechenbar ist.
Wenn Kinder im Spiel sind, verkompliziert das alles. Man stellt zwangsläufig ihr Leben auf den Kopf. Es stehen die Bedürfnisse mehrerer Menschen im Raum und es gilt, diese irgendwie zu vereinen, wobei diejenigen der Kinder absolute Priorität haben. Ich habe auch hier bei einer Freundin miterlebt, wie lange dieser Prozess dauern kann, wie intensiv er sein kann und wie schwierig und schmerzhaft…
Wir wollen unseren Kindern so viel wie möglich ersparen. Wir wollen nicht, dass sie leiden, wollen sie nicht aus ihrer Komfortzone reissen. Nur manchmal geht es nicht anders…
Ich wünsche es keinem, so etwas durchmachen zu müssen. Ich schicke jedem viel Kraft, der es durchziehen muss. Ich wünsche mir für meine Familie, nie eine solche Entscheidung treffen zu müssen, auch wenn mir bewusst ist, dass es nicht immer einfach ist. Manchmal viel Nerven strapaziert werden, Verletzungen geschehen und man nicht den 5er und das Weggli haben kann. Ich bin mir bewusst, dass sowohl ich als auch mein Mann oft auf die Zähne beissen müssen. Kinder zu haben, ist eine Herausforderung, nicht nur eine individuelle sondern auch eine für die Beziehung. Man kann nicht erwarten, dass diese unverändert bleibt. Und sind die Kinder noch so „ring zu haben“… Keine Kinder zu haben, kann mit der Zeit aber auch eine Herausforderung werden. Auch hier kenne ich ein Paar, das nach vielen (ungewollt kinderlos gebliebenen) Ehejahren für das Zusammenbleiben kämpft. Da war man jahrelang Seite an Seite, war füreinander da, meisterte viele Herausforderungen, kennt sich in- und auswendig (vielleicht zu sehr) und irgendwann bleibt die Anziehung auf der Strecke. Man begehrt sich nicht mehr. Jahrelang die gleiche Person an der Seite… es ist klar, man steht sich emotional nah, man fühlt sich geborgen, versteht sich ohne Worte, man lebt eine intensive Freundschaft. Eigentlich will keiner ohne den anderen sein, weil man den anderen vermissen würde, die Familie, die man hat, auch nur zu zweit; undenkbar, sie aufzulösen… Hier muss jedes Paar für sich entscheiden (und gottlob nur für sich und nicht auch noch für die Kinder), was es aus der Situation macht. Will man einen Neuanfang für beide (sich und auch seinem so geliebten Partner eine neue Chance geben) oder ahnt man, dass man nach ein paar Jahren wieder am selben Punkt ankommen könnte und darum lieber beim Vertrauten bleibt, wenn auch ohne das Prickeln, das man ganz am Anfang spürt? Einfacher fiele die Entscheidung, wenn sich die Partner auseinandergelebt haben, sich die Interessen verschoben haben, man sich nichts mehr zu sagen hätte…
Wie könnten menschliche Beziehungen in 20, 50 Jahren aussehen? Verliert die Ehe immer mehr an Bedeutung? Wird sie noch existieren? Wird sie anders umrissen werden? Werden neue Beziehungsformen etabliert? Sind offene Beziehungen ein Thema? Oder nach wie vor eine marginale Erscheinung, da sich selten beide Partner gleichermassen dafür begeistern können… was verständlich ist, da immer ein Risiko besteht, dass jemand sich zu einem anderen Partner mehr hingezogen fühlen wird und die Beziehung beendet.
Ein Patentrezept gibt es wohl nicht. Solange es Menschen gibt, wird es Beziehungen geben, werden Bindungen aufgebaut und wieder gelöst… denn anders können wir nicht leben. Aber der Spruch „bis dass der Tod uns scheidet“, der wird wohl mehr und mehr an Bedeutung verlieren. Zum einen, weil die Menschen immer älter werden, zum anderen, weil sich kaum mehr einer auf die Ewigkeit festlegen will…

Wie denkt Ihr darüber? 

 

2 Kommentare zu “Über Bindungen, Familie, Beziehungskonzepte

  1. Gute Frage…grundsätzlich haben wir unsere Ehe mit dem Vorsatz geschloßen „für immer“ zusammen zu bleiben. Ob wir uns immer lieben werden? Hoffe ich, weiß ich aber nicht. Ich denke, wir haben uns vor allem das Versprechen gegeben immer respektvoll und achtsam miteinander umzugehen. Ach oder gerade im Falle einer Trennung.

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    • Das ist schön… und natürlich geht man die Ehe mit diesem Vorsatz ein, sonst müsste man nicht heiraten, gell? Respekt und Achtsamkeit ist ganz wichtig. Ich schätze es kommt auf den Grund für die Trennung an, ob man es schafft, sich auch dann noch mit Respekt zu begegnen und es nicht in eine Schlammschlacht ausarten zu lassen…

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