(Langes) Stillen & die Medien – immer ein Reizthema

Es vergeht kaum ein Monat in dem nicht irgend ein Medium das Thema „Langzeitstillen“ wie es oft genannt wird und was so ungefähr als Definition für jegliches Stillen vom 1. bis zum 6. Lebensjahr herhalten muss, aufgreift. Aktuell muss Sara Kulka daran glauben, ein deutsches Model, bekannt aus #gntm. Ich kannte sie nicht aus der Sendung, weil ich die nicht schaue, sondern aus einer Facebook-Gruppe. Eine sympathische, hübsche Frau, die sich für einen bindungsorientierten Umgang mit ihren Kindern entschied. Sie stillt ihre 2-Jährige noch und ist gerade mit dem 2. Kind schwanger. Schön! Ich weiss jetzt nicht mehr, ob sie an die Medien herantrat oder die Medien an sie, es ist auch nicht weiter wichtig, aber man musste die Sache natürlich aufbauschen, die Leute um ihre Meinung anstacheln und Unwahrheiten über den Äther senden (eine Journalistin definiterte „bindungsorientiert“ mit „machen, was das Kind will“. Was natürlich Bockmist ist).

Jeder hat eine Meinung
Nun, leider ist das nichts Neues, handelt es sich doch meist um Medien, die nicht um eine seriöse Berichterstattung bemüht sind, sondern gerne mit plakativen Aussagen und Fotos arbeiten. Ihr wisst schon… Interessant ist, dass sich die halbe Gesellschaft zum Aufschrei hinreissen lässt obwohl sie angesichts der doch geringen Zahl an Müttern, die über das 2. Lebensjahr hinaus stillen, wahrscheinlich nie in Kontakt mit dieser Situation kam – weder persönlich (weil Mann, weil noch keine Kinder oder nicht/wenig gestillt) noch im näheren Umfeld. Aber es ist, ich habe das letztens gelesen und zitiere deshalb, „wie beim Fussball: jeder hat eine Meinung dazu!“ Interessant, oder?
Ich selber würde wohl arg schwanken wenn mich jmd um ein Interview bäte. Einerseits bin ich  der Meinung, dass mehr Berichterstattung zu mehr Akzeptanz der Thematik führen könnte weil das Stillen dann präsenter wird, so ungefähr wie das Thema „Stillen in der Öffentlichkeit“ (allerdings nicht wenn in boulevardesker „Qualität“ berichtet wird :P), andererseits würde mich so ein Shitstorm wahrscheinlich in eine tiefe Lebenskrise führen (ich hadere schon tagelang mit mir wenn ich ein Like verliere und nicht weiss, warum… typisch hochsensibel eben 😛). vergeigt ein Medium das Thema, äussere ich mich meist noch und mobilisiere Verstärkung, was auch schon zu halb-entschuldigender Nachberichterstattung sorgte (es gab da mal eine ziemlich unüberlegte Kolumne in einer Schweizer Zeitung…), aber wenn ich ellenlang nur Kommentare ahne, die unter die Gürtellinie gehen, dann weiss ich, dass man da einfach nicht dagegen ankommen kann. Es handelt sich um festgefahrene Meinungen von engstirnigen Leuten, die es nicht besser wissen, aber glauben, das Zentrum der Welt zu sein. Da helfen keine Argumente mehr.
Hier auf dem Blog fühle ich mich dagegen safe genug weil ich weiss, dass meine Leser meine Einstellung so ungefähr teilen oder zumindest respektieren.

Ein mutiges Vorbild
Was bleibt noch zu sagen? Sara, ich finde es sehr mutig von Dir, dass Du Deine Einstellung öffentlich teilst gerade weil Dein Publikum ungleich höher ist als meins. Und gerade auch weil Du schwanger bist und man in diesem Zustand noch sehr viel empfindlicher ist als sonst. Sara, ich finde es toll, dass Du Dich fürs (lange) Stillen einsetzt, uns teilhaben lässt an Eurer Beziehung, an Deiner Art, Mama zu sein. Denn als Promi hast Du auch eine Vorbildfunktion und kannst Deine Fans lehren, dass es auch etwas „ausserhalb der Norm“ gibt und dass dies eigentlich ganz natürlich ist. Sara, ich wünsche Dir ganz viel Kraft um diesen Shitstorm zu verdauern und trotzdem weiter zu machen so wie Du (und Du allein) es für richtig hältst. Aber Du wirkst auf mich sehr stark und ich bin überzeugt, dass kein noch so mieser Kommentar Dich aus der Bahn werfen wird. Und allen, die mit Floskeln um sich werfen („eklig“, „armes Kind“, die „Mama kann nicht loslassen“, „gestört“ und was weiss ich noch), wünsche ich, dass sie sich anständig informieren bevor sie ihren Senf abgeben. Ich geh‘ ja auch nicht hin und sage „Fussball ist langweilig und doof und alle Spieler vom anderen Ufer“ nur weil ich es nicht besser weiss. Ich kann sagen: „Fussball interessiert mich nicht, ich finde es öde aber wer’s mag, der soll’s mögen.“ Etwas mehr Toleranz wäre schön, vor allem bei etwas so Privatem wie dem Stillen, das eigentlich nur das Stillpaar selber angeht und niemand anderen. Auch dann nicht, wenn man es öffentlich macht. Ein Interview ist noch lange kein Freischein zum Beschimpfen.

Und wen es irgendwie interessiert: die Maus hat das Interesse am Stillen in den letzten zwei Monaten immer mehr verloren. Sie hat es ganz selten mal wieder kurz versucht, wusste aber gar nicht mehr so recht, was damit anfangen. Es war mein Wunsch, dass sie so lange darf, wie sie mag und sich selber „abstillt“ und dieser Wunsch hat sich erfüllt und sie liess es ganz bilderbuchmässig langsam aber stetig „ausklingen“. Damit hat sie nicht zuletzt auch mir ein riesiges Geschenk gemacht. Nichts und keiner zwang mich, abrupt abzustillen. Ja, es wurde so ab der 12. Schwangerschaftswoche langsam unangenehm und sicher hat sie das gemerkt, aber es war dennoch ihre Entscheidung, sich von diesem von uns lange geliebten Ritual, dieser wunderbaren Nähe, zu lösen. Es erlaubte auch mir, mich langsam zu lösen. Ich würde aber lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die Nähe nicht vermisse. Zumal sie recht zeitgleich in den letzten beiden Monaten auch immer seltener neben mir (ein)schlief. „Gross werden“ nennt man das wohl 😉 Und es straft alle Kritiker Lügen, dass ein Kind, das so bindungsorientiert aufwachsen darf „niemals aus dem Elternbett auszieht“ und „noch im Schulalter stillt“. Ja, is‘ klar 😉 Meine Tochter ist ein wunderbares, selbstbewusstes Kind, das ich über alle Massen liebe und ich habe das Glück, dass ich bald nochmals ein Baby bekommen werde und mich noch nicht komplett allein im geborgenen Nest wiederfinde 😉

Illustration: Les mamans winneuses

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