„unerzogen“ – Missverständnisse & Versuch einer Annäherung

Eins vorweg: das Wort „unerzogen“ ist unglücklich gewählt. Es erinnert zu sehr an „ungezogen„. Aber der Begriff hält sich für diese Haltung. Man könnte das Ganze einfach von der anderen Seite betrachten und sich mit dem Begriff „Erziehung“ auseinandersetzen, der von „ziehen“ kommt. Im Sinne davon, das Gefühl zu haben, man müsse sein Kind in eine bestimmte Richtung ziehen, es formen… aus Mangel an Vertrauen daran, dass unsere Beziehung zum Kind zentral ist. Dass diese und unser Vorleben wichtiger ist und das „Ziehen“ eigentlich überflüssig macht.

Über einen Beitrag, den ich gestern auf Facebook entdeckt habe, komme ich nun endlich dazu, über das Thema zu schreiben.
Ich weiss nicht, wann ich das erste Mal von „unerzogen“ gelesen habe, aber ich fand es spannend und las mich ein wenig ein. U.a. bei Alfie Kohn und natürlich in diversen Blogs (z.B. hier) und Facebook-Gruppen. Eine Zeit lang hatte ich auch das Magazin dazu im Abo, wofür übrigens auch der Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster ab und zu schrieb – er dürfte ein Begriff sein. Auch Katia Saalfrank schlägt in dieselbe Kerbe. Die Ansätze von Jesper Juul und seinem familylab ebenso. So viel zum Thema namedropping, aber es geht mir in erster Linie mal darum, kurz aufzuzeigen, dass die Haltung, sein Kind nicht erziehen zu müssen nicht irgendein neumodischer Spleen ist. Für mich ist „unerzogen“ die logische Weiterführung der von Geburt des Kindes an gelebten, bindungsorientierten Elternschaft, des Attachment Parenting, das sich bei vielen mit Babys und Kleinkindern unterdessen sehr gut etabliert hat.
Um nochmals zum Beitrag zurück zu kommen… er wurde auf mehreren Seiten geteilt und die Kommentare darunter waren zum Teil negativ und zeigten auf, dass der Beitrag teils nicht ganz gelesen oder auch einfach nicht verstanden wurde. Leider war der Titel etwas irreführend. Es ging um Körperpflege bei Kindern und der Titel stellte in Frage, ob waschen, Zähne putzen etc. sein müsse. Natürlich meldeten sich, ohne zu lesen, zig Mütter zu Wort (und ich rede jetzt gar nicht von meiner Facebook-Seite, sondern von den anderen, wo ich den Artikel auch her habe), die schwarz sahen vor lauter Karieslöchern, Coli-Bakterien und fettigen Haaren. Dabei war das gar nicht die Aussage des Artikels. Die Autorin selber hat 4 Kinder, die sich regelmässig waschen und Zähne putzen. Aber sie wollte klar machen, dass sie gegen physische und psychische Gewalt ist, um die Körperhygiene durchzusetzen, also Zwang, Erpressung oder Schwitzkasten beispielsweise. Im Hinterkopf hatte sie wohl die vielen „Kämpfe“, die manche Eltern tagtäglich mit ihren Kindern haben, um sie eben zum Zähneputzen oder Haarewaschen zu bewegen. Sie ist dafür, dass man diese Dinge einfach vorlebt und sich Lösungen überlegt, welche die Grenzen der Kinder nicht überschreiten.
Und weil sie von einer „gleichwürdigen“ Behandlung und „auf Augenhöhe“ sowie „Befürfnisse vereinbaren“ sprach, kamen sofort Protestrufe, die, das Ganze völlig missverstanden: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen!“ Oder „Wer ständig nur die Bedürfnisse der Kinder erfüllt, zieht kleine Tyrannen heran!“ Darum geht es aber eben nicht!

Gleichwürdig heisst nicht gleichwertig

Bedürfnisse vereinbaren, heisst, auf die Bedürfnisse aller zu achten und Kompromisse zu finden

Und dann kommt oft das Beispiel, das immer kommt, so wie das Amen in der Kirche:
„Lässt Ihr das Kind denn einfach über die Strasse laufen wenn ein Auto kommt!?“
Natürlich nicht! Denn…

unerzogen heisst nicht antiautoritär oder laissez-faire
Weder werden die Kinder sich selbst überlassen, noch vernachlässigt.

Es geht um…

Beziehung, anstelle von Erziehung

Ich verweise an dieser Stelle auf diesen Beitrag, weil er mit vielen Missverständnissen aufräumt.

„Ach, die Kinder dürfen also immer alles selber entscheiden?“

Nein. Wie bereits oben erwähnt, werden sie nicht gleichwertig wie Erwachsene behandelt. Sie dürfen entscheiden, aber aus der Auswahl, die ich ihnen, der Situation entsprechend, mache. Wenn der Grosse keine Nudeln will, darf er sich nicht die Schokolade holen. Aber er kann ein Brot oder ein Joghurt haben – als Beispiel.

Oft heisst es auch: „Unerzogen? Das ist wohl für faule Eltern!

Mitnichten! Wer die Bindung und die Bedürfnisse ins Zentrum stellt, der führt u.a. Diskussionen, muss kreativ sein, Zwischenwege finden.
Leider falle auch ich viel zu oft zurück in ein altes, jahrelang von überall her geprägtes Muster und höre mich Erpressungen aussprechen: „Wenn Du nicht… dann…“ Davon will ich wegkommen. Ich hasse es. Ich hasse es. Mein Sohn hasst es auch, klar. Die Bindung zwischen uns geht in solchen Momenten sofort flöten – klar. Es ist der einfache, schnelle Weg, etwas zu erreichen wenn ich tatsächlich zu faul bin, um mich mit der Situation auseinander zu setzen und andere Lösungen zu finden. Ich muss dann aber nur in sein Gesicht sehen, in dieses enttäuschte, hilflose Gesicht und schon bereue ich es extrem. Natürlich muss mein Kind mich nicht immer mögen, aber würde ich ständig erpresst werden wollen!? Nein! Und ich will auch mein Kind nicht ständig in diese doofe Lage bringen. Es muss auch anders gehen. Aber genau das ist eben nicht einfach. Es setzt voraus, dass ich mich reflektiere, mir Dinge bewusst mache, mich mit mir und meinem Kind auseinandersetze. Es gibt Tage, da klappt das und es gibt Tage, da geht das einfach im Alltagsstress unter und ich bin dann abends alles andere als stolz auf mich.

Ist unerzogen das Nonplusultra? Unerzogen ist eine Haltung, es ist keine Anleitung, die man als Buch kaufen kann und kein Patentrezept. Ich will hier weder missionieren, noch „Werbung“ machen dafür, denn jeder findet „seinen“ Umgang in der Familie und bei mir hört das Finden und Lernen eben nie auf. Man kann sich informieren, sich durchlesen und das herausholen für sich, was für einen stimmt, was passen könnte. Das tue ich auch, regelmässig. Ich würde mitnichten behaupten, wir wären hier frei von Erziehung. Nein, leider überhaupt nicht. Auch wir handeln oft übergriffig, überschreiten Grenzen, üben Druck aus, machen Fehler (in meinen Augen) und merken es dann mittendrin vielleicht gerade noch; wie schon erwähnt: oft fehlt einfach die Zeit oder die Energie, um nicht in alte Muster zu verfallen. Aber jedes Mal wenn es mir gelingt, das eben zu verhindern, gewinnt etwas: nein, nicht das Kind, sondern unsere Beziehung. Und die ist mir sehr wichtig…

Es ist wahrscheinlich keine drei Jahre her, dass ich noch sehr oft total an den Anschlag kam und beinahe meine Nerven verlor. Vielleicht liegt es daran, dass die Kinder grösser wurden, vielleicht aber auch daran, dass ich geduldiger wurde oder eben auch daran, dass ich mich viel intensiver mit allem auseinandersetze, mein Handeln hinterfrage, die Situation genauer betrachte und nicht einfach blindlings lange eingeprägte Sätze von mir gebe…

Ich weiss, das ist alles schwer greifbar, wenig konkret und niemand hat die Weisheit für sich gepachtet, wie man mit Kindern umgeht oder eben nicht. Ich am wenigsten… Es ist ein für uns alle kein einfacher Weg, den wir finden müssen. Aber das hat auch keiner behauptet 😉

Und nochmal: ich will hier niemanden überzeugen, es war mir einfach ein Bedürfnis, nach den gestrigen Erfahrungen, den vielen Kommentaren, die ich hier und dort mitbekommen habe, aufzuräumen mit den vielen Missverständnissen und ich hoffe, das ist mir gelungen… und ob so oder so – fragen dürft Ihr immer! 

2 Kommentare zu “„unerzogen“ – Missverständnisse & Versuch einer Annäherung

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