„Wo Liebe ist, ist Familie“

Unser heutiges Familieninterview dreht sich um einen kompletten Mädelshaushalt, nämlich eine Familie mit zwei Mamas. Choeden (37), Désirée (35) und die Töchter Norlha (5.5j) und Sonam (3j) leben in Winterthur. Die liebe Désirée kenne ich aus diversen Facebook-Gruppen da sie, so wie ich, Trageberaterin ist. Ich freue mich sehr, dass sie sich im Rahmen meiner Interview-Serie meinen Fragen stellte 🙂Desiree Yardong.jpeg

„Wir sind ziemliche Reisefüdlis, wir reisen manchmal lange geplant und manchmal ganz spontan, so wie letztes Wochenende, wo ich mit Norlha an einem Kindergeburtstag war und dann mit gepackter Tasche für einen Ausflug ins Legoland abgeholt wurde, quasi als Überraschung…“

Désirée, wie teilt Ihr Euch Arbeit und Kinderbetreuung auf?
Désirée:
Choeden hat Norlha geboren und war nach der Geburt 15 Monate lang zuhause, während ich 80% weiter arbeitete, dank Abend- und Nachtdienst aber doch recht oft zuhause war. Sie stieg dann mit 40% wieder ein, bis unser zweites Kind 4 Monate alt war. Danach ging sie Vollzeit in den Beruf zurück. Den Stellenwechsel nutzten wir für unsere grosse Reise nach Nepal, wo wir 6 Wochen lang verbrachten. Ich durfte dann zuhause bleiben und mir langsam eine Selbständigkeit aufbauen mit Trageberatungen, Zwergensprachekursen und Workshops. Norlha verbrachte damals 2 Tage in ihrer geliebten Kita und Sonam hatte ich immer dabei.

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Du bist mittlerweile auch wieder in den Beruf eingestiegen…
Als Sonam 2 Jahre alt wurde, begann ich wieder in einer 50% Anstellung zu arbeiten und Choeden konnte auf 90% reduzieren. Sie ist nun immer mittwochs zuhause. Anfangs nahm ich Sonam noch an einem Tag pro Woche mit zur Arbeit, während Norlha im Kindergarten war. Nun haben wir eine ganz tolle Lösung für die Betreuung gefunden ganz in der Nähe von meinem Arbeitsort, wo der Kindergarten, Hort und Kita alles in einem ist, mit viel Garten und der täglichen Möglichkeit, mit der Naturpädagogin in den Wald zu gehen und dort zu kochen. Das war ein absoluter Glücksgriff! Nun bin ich meine Selbständigkeit wieder etwas am Ausbauen, nebst Kursen in der Zwergensprache biete ich ab nächstem Jahr auch Kurse über die Dunstan Babysprache an, dabei lernen werdende Eltern, die 5 universellen Babylaute zu erkennen und darauf zu reagieren, die alle Babys bis ca 4 Monate brauchen.

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Wie unterscheidet sich Eure Mutterrolle bzw. Eurer Erziehungsstil? Gibt es jemanden, der „strenger“ ist oder zieht Ihr stets am selben Strang? Gibt es Dinge, die Dir besser liegen als Deiner Partnerin oder Dinge, die Du machst, sie aber nicht?
Wir sind in unserer Elternrolle stets am Wachsen, Diskutieren und mit den Kindern am Lernen. Ich bin rein durch meine Ausbildung schon sattelfester in all den Themen rund um die Entwicklung von Kleinkindern. Wir versuchen unser Familienleben gleichwürdig und bedürfnisorientiert zu gestalten. Mir scheint es, dass wir beide fest involviert sind und nicht wie oft beobachtbar der hauptsächlich arbeitende Elternteil sich in vielem ausklinkt und z.B. abends nach der Arbeit noch jenste Hobbies pflegt. Wir ziehen nicht immer am gleichen Strang, und wenn eine gerade eher ungeduldig ist, hat zum Glück die andere meist etwas mehr Verständnis, was ich finde toll finde. Am gleichen Strang ziehen klingt ja fast so, als ob man als Eltern gegen die Kinder Seilziehen müsste… Fürs Tragen war und bin eigentlich aber immer ich zuständig, aber nicht selten trugen wir auch beide, v.a. auf Reisen. Die Spasssachen liegen meiner Frau eindeutig besser, ich bin eher die, die eine Umgebung zur Verfügung stellt und dann die Kinder machen lässt und sie hat selbst noch so eine kindliche Ader und ist voll begeistert von Disneyfilmen und wie oben erwähnt Freizeitparks. In den wichtigsten Themen sind wir uns aber zum Glück meist einig, auch wenn ich dafür öfters viel gute Argumente liefern muss.

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Gibt es für Eure Kinder auch eine männliche Bezugsperson?
Ja, die Kinder haben ihre 3 Grossväter, davon v.a. Choedens Vater (tibetisch „Popo“ genannt) und mein Stiefvater (der Opa). Dann gibt es einen sehr wichtigen Götti (Choedens Cousin), diverse Onkel in der erweiterten Familie und in der Villa Ninck, wo sie im Kiga/Kita/Hort sind, arbeiten auch mehrere Männer. So langsam merken sie, dass viele Kinder statt 2 Mamas je einen Papa und eine Mama haben. Norlha hat zu Beginn allen Männern Papi gesagt, weil alle Männer, die ihre Gspänlis in der Kita abholten und auch der Nachbar eben bloss Papi genannt wurden. Ihre Spender kennen sie (noch) nicht, beide sind aber damit einverstanden, sie später mal zu treffen. Wir sind per Mail mit ihnen in Kontakt.

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Wie hat Euer Umfeld zu Beginn auf Euch reagiert?
Wir sind von Anfang an überall komplett akzeptiert gewesen. Wir haben uns aber eh bewusst ausgewählt, von wem wir uns zB. in der Schwangerschaft betreuen lassen wollten, haben eine ganz tolle Frauenärztin, eine tolle Hausgeburtshebamme und einen ebenso super Kinderarzt. Sie alle sind auch sonst „alternativ“ unterwegs. Im Bekanntenkreis und in der Familie war die Freude gross, als wir von der Schwangerschaft erzählten. Der Schock vom Coming Out war längst verdaut und die Befürchtung vieler Eltern von Lesben und Schwulen, eben keine Enkelkinder zu bekommen, hat sich ja nicht bewahrheitet.

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Kämpft Ihr heute als Regenbogenfamilie noch gegen Vorurteile?
Einzig und alleine auf staatlicher Ebene, da herrscht noch eine ziemliche Diskriminierung. Beide Kinder haben von Gesetzes wegen eine Beiständin, da wir nicht als verheiratet gelten (wir haben eine eingetragene Partnerschaft) und somit nicht automatisch der Ehepartner als 2. Elternteil eingetragen wird wie bei Verheirateten. Wir haben uns und die Kinder so gut es geht mit Vollmachten, Verträgen und einem Testament abgesichert, das wir mit einer Juristin zusammen entworfen haben, aber im schlimmsten Fall zählen wir eben doch nicht als vollwertige Eltern. Zum Glück können ab dem 1.1.18 auch Konkubinatspaare und gleichgeschlechtliche Paare das leibliche Kind der Partnerin adoptieren (Stiefkindadoption). Durch den Antrag sind wir uns gerade am durcharbeiten.

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Was möchtest Du Zweiflern mit auf den Weg geben, was ist Dir wichtig?
Wo Liebe ist, ist Familie!!

Was unterscheidet Euch, abgesehen davon, dass Eure Kinder zwei Mütter haben, von anderen Familien, wenn überhaupt?
Studien haben ergeben, dass Kinder in gleichgeschlechtlichen Familien gleichberechtigtere Partnerschaften vorgelebt bekommen, die Arbeitsteilung, die Berufswahl, die Konfliktkultur ist weniger stereotyp, das färbt dann auch auf die Kinder ab. Das zeichnet sich bei uns auch ab, obwohl die Girls äusserlich sehr mädchenhaft sind. Ansonsten sind wir wohl eine ziemlich normale Familie, wo die Eltern am liebsten um 20 Uhr Feierabend hätten, den Sonntag als Familientag deklarieren, sich Gedanken über die Umwelt, die Zukunft und den nächsten Urlaub machen, wo die Eltern sich die Haare raufen weil das Chaos nie endend scheint und ihre gemeinsame Zeit zu zweit verschwindend klein ist. Auch die Kinder sind einzigartig wie alle Kinder, streiten und lieben sich, mögen Süsses und Geschenke… Also alles ganz normal.

1 Geburi Norlha

Was gebt Ihr Euren Kindern mit auf den Weg damit sie allfälligen Fragen später standhalten können?
Wir gaben ihnen von Anfang an das Gefühl, genau so richtig zu sein wie sie sind, vollkommen erwünscht. Bei uns ist es immer wieder Thema, dass Menschen unterschiedlich sind, unterschiedliche Leben führen, unterschiedlich aussehen, unterschiedlich denken, sprechen und fühlen, aber alle auf ihre Art wertvoll sind. Dies ist die Basis, mit diesem Gefühl werden sie hoffentlich allfällige Kritik annehmen können, ohne sich als Persönlichkeit angegriffen zu fühlen.

Deine Partnerin ist Tibeterin. Wie bringt Ihr Euren Kindern diese Kultur näher und wie wird Elternschaft in Tibet im Vgl zur Schweiz gelebt?
Meine Partnerin wuchs im buddhistischen Glauben in der Schweiz auf. Die Kinder bekommen beide Kulturen und Religionen mit, indem sie ein Teil davon sind. Es leben zum Glück viele Kinder von der tibetischen Seite der Familie in der Schweiz. Das ganz „Ursprüngliche“ haben sie in Nepal erleben können, wo es viele tibetische Flüchtlingscamps gibt. Wir reisen ca alle 18 Monate nach Asien, dort haben wir sie auch in einem Kloster segnen lassen. Bei den Tibetern sind Kinder ein viel grösserer Bestandteil der Gesellschaft, sie sind immer überall mit dabei, bei allen Arten von Veranstaltungen rennen Kinder herum. Da kennt man es nicht, die Kinder abzugeben bei einem Babysitter um zB. an eine Hochzeit oder Beerdigung zu gehen. Auch fühlen sich in der Gemeinschaft alle Erwachsenen oder älteren Kinder für alle Kleinkinder verantwortlich und schauen automatisch zu ihnen. Dafür muss ich als Veganerin und zuckerfrei lebende Mama immer beide Augen gaaanz fest zudrücken bei solchen Anlässen 😉

Liebe Désirée – vielen Dank für das tolle Interview und die schönen Fotos von Euch! 🙂

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