„Die Kinder ins Bett bringt, wer zuhause ist“

Im November durfte ich Muriel an der „Swiss Blog Family“ kennen lernen. Sie war mir sofort sympathisch und ich konnte gar nicht recht glauben, dass sie vier Kinder hatte, das älteste bereits 15, das Jüngste nicht ganz 1,5-jährig und daneben noch arbeitet. Sie sah so jung und dynamisch aus, nicht wie ich gehetzt und 10 Jahre älter *lach*. Nachdem wir seit dem Treffen regelmässig Kontakt hatten und ich erfuhr, dass ihr Mann Grieche ist (das Ferienland meiner Kindheit), fragte ich sie, ob sie bei meiner Interviewserie mitmachen möchte – et voilà! 🙂

Muriel Antoinette & Dimitris sind ein „multikulturelles Paar, bestehend aus einem heissblütigen Griechen und einer gewissenhaften Schweizerin„, wie Muriel erzählt. Die beiden haben 4 Kinder: Der Erstgeborene wird im Mai 15, es folgen drei Mädchen mit 9.5 und 6 Jahren und bald 17 Monaten. Muriel ist 38 Jahre alt, geboren im Kanton Baselland, wohnte aber schon seit ihrem halben Leben an anderen Orten. Dimitris ist 53 und aus Athen, Griechenland, doch auch schon die Hälfe seines Lebens weg aus seiner Heimat. „Dies und unsere Gemeinsamkeiten schweissen uns sehr stark zusammen„, so Muriel.

Hochzeit auf Kreta

Wie habt Ihr Euch kennen gelernt?
Muriel: Ich arbeitete nach der Matur auf Kreta als Reiseleiterin. Durch einen Zufall durfte ich dort die Leitung eines Büros übernehmen. So blieb ich 2.5 Jahre auf Kreta. Im Anschluss daran begann ich in der Schweiz Tourismus zu studieren. Auf der Suche nach einer Arbeit zum beruftsbegleitenden Studium fand ich «ännet der Grenze» einen Job bei einem Reiseveranstalter. Mein Mann war der Geschäftsführer. Die Anziehungskraft war sehr stark zwischen uns und wir wurden schnell auch privat ein Paar. Griechenland fehlte mir sehr stark, so schlug ich ihm vor, wieder dorthin zu ziehen, was wir nach 3 Jahren auch taten.

Nach 6 Jahren und zwei Kindern seid Ihr in die Schweiz gezogen. Fiel es Euch nicht schwer, das sonnigwarme Griechenland zu verlassen?
Nach diesen tollen Jahren als Familie auf Kreta war es hauptsächlich sein Entscheid, einen Neuanfang in der Schweiz zu wagen. Es fiel uns sehr schwer, aber es war ein Kopfentscheid. Wir wussten beide, dass wir der Kinder und ihrer Zukunft wegen in der Schweiz besser aufgehoben sind. So haben wir es beide akzeptiert, was mittlerweile auch ganz gut klappt.

Du hast gerade Dein Master-Fernstudium in Global Marketing an der Universität von Liverpool abgeschlossen. Wie hast Du das neben den Kindern geschafft?
Ich hatte über die Jahre ein kognitives Vakuum und wollte unbedingt weiterstudieren. Da ich wegen 3 Kindern und der Arbeit sehr eingebunden war, kamen für mich regelmässige Vorlesungen nicht in Frage. Das Fernstudium dauert mindestens 3 Jahre, ich schaffte es in etwas über 4 Jahren, da ich 2x zwischenzeitlich Pausen einlegte. Für so ein Studium muss man recht gut organisiert sein, resp. kompromissfähig sein. Ich habe meine ganze Freizeit (z.B. abends TV schauen, Sport, etc.) fürs Lernen aufgegeben. Auch mein Mann musste viel hinnehmen.

Wie hast Du es Dir eingeteilt?
Jeden Donnerstag fing die Lernwoche an. Ich musste bis Samstag viel lesen und etwas online posten. Diese Arbeiten erledigte ich immer nach 20 Uhr, wenn die Kinder im Bett waren. Manches Wochenende arbeitete ich bis 4 Uhr morgens am Computer. Da ich auch bis Mittwoch wieder eine Arbeit und 3 Interaktionen abliefern musste, nahm ich mir auch bei der Arbeit mal mittags die Zeit, um etwas fertig zu stellen.

Juli 2017 Genfersee alle 4 Kinder

Wie ging es Deinen Kindern dabei?
Sie haben viel Verständnis gezeigt. Oft haben sie neben mir gespielt, gelesen oder gelernt, während ich vor allem am Wochenende am Studium arbeitete. Einladungen wurden an den Wochenenden halt auch eingeschränkt. Im Grossen und Ganzen denke ich, das Studium hat mich sehr stark gemacht und ich bin meinen Kindern gern ein Vorbild.

Was arbeitest Du aktuell?
Ich bin an vielen Dingen dran. Bis vor der Geburt des letzten Kindes war ich Hotel-Direktorin. Das wollte ich nicht mehr machen, da ich oft arbeiten musste, wenn die Kinder frei hatten. Mit der Geburt des 4. Kindes startete ich meine Masterabeit, die ich im Mai fertigstellte. Eigentlich wollte ich dann eine Stelle im Marketing antreten und gleichzeitig mein Mann etwas kürzertreten. Doch ich habe noch keine Stelle gefunden. Mittlerweile konzentriere ich mich auf meine eigenen Projekte: den Mamablog, meine Consulting-Firma und ein neues Projekt, das mit Social Media zu tun hat. Ich möchte im Februar launchen.

Ich bin gespannt! 🙂 Wie viele Stunden arbeitest Du denn ungefähr?
Es sind momentan keine fixen Stunden, an denen ich arbeite. 3x wöchentlich sind die meisten Kinder aus dem Haus, da arbeite ich ganztags an meinen Projekten. Wenn die Kinder zuhause sind, bleiben mir gewisse Zeitfenster (ja, ich stehe dazu, ich bin eine von den Müttern, die ihr mit dem Laptop auf dem Spielplatz antrefft 😉), die Abende und manchmal auch der Sonntag Morgen. Auf eine 40 Stunden aufgerechnete Woche sind das vielleicht so 80%.

Ein grosses Pensum, puh, Respekt! Wie lange bloggst Du schon?
Ich blogge schon lange als Corporate Blogger. Ich muss ungefähr 2009 damit angefangen haben. In allen Positionen, in denen ich seitdem gearbeitet habe, war ich fürs Marketing zuständig. Im Rahmen der digitalen Transformation richtete ich Blogs für alle Firmen ein. Erst waren es einzelne Posts für die Destination Kreta, dann fürs Hotel in der Schweiz, dann auch für meine Consulting-Firma, die ich seit 2005 nebenbei führe. Mit dem 4. Kind kam die Idee für den Mamablog, mit dem ich im November online ging.

Worüber schreibst Du am liebsten?
Am liebsten blogge ich über Erfahrungen oder Tipps, sei es als Marketer, Tourismus-Expertin oder als Mama.

Familienphoto mit Leandros und Dafni im Bauch auf Santorini 2008

Du hast 4 Kinder mit relativ grossem Abstand zueinander bekommen. War das so geplant?
Der Hauptgrund war, dass ich immer arbeitete. Die Kinder gingen alle in die Krippe, aber nicht sehr häufig. Die anderen Tage teilten wir uns auf als Paar oder hatten Unterstützung von Grosseltern und einer Tagesmutter anfangs, dann auf Kreta nur noch durch Freunde. Es war so, dass ich z.B. am Montag früher Schluss machen konnte und meinen Sohn vom Kindergarten abholte – zusammen mit einem anderen Kind, deren Mutter meinen Sohn dann einen anderen Tag oder während einer Geschäftsreise übernahm. Zwei kleine Kinder zusammen konnte ich deswegen nicht handeln. Der zweite Grund waren meine Fehlgeburten. Ausser dem ersten waren alle meine Kinder sogenannte «Sternenkinder».

Dein Mann ist einiges älter als Du und dann seid Ihr auch noch eine Grossfamilie – wie reagieren da die Leute?
Haha, das ist ein interessantes Thema. Uns beschäftigt dies eigentlich kaum. Wir verliebten uns so intensiv und sind es noch immer, dass für uns das Alter keine Rolle spielt. Mein Mann ist ein sehr jung gebliebener Mitfünfziger und ich wohl eher frühreif. Da ich aber jünger ausschaue als ich bin, gibt es manchmal schon Sprüche. Obwohl ich seine erste Ehefrau bin, meinen die meisten, er hätte wohl vorher schon eine Familie gehabt. Es ist auch schon vereinzelt vorgekommen, dass sie mich für seine Tochter hielten. Obwohl, so gross scheint der Unterschied zwischen uns nun auch wieder nicht. Menschen, die uns gegenüber nicht tolerant auftreten, lassen wir links liegen. Wer uns kennt, weiss, dass wir ein sehr glückliches Paar sind. Wir sind uns sehr vertraut und verbringen unsere Freizeit lieber zusammen als getrennt mit Hobbies oder Freunden. Wir haben den gleichen Geschmack, was schicke Kleidung, gutes Essen und traumhafte Ferien anbelangt Eine Freundin meinte letztens, dass Paare wie wir eine Inspiration für andere seien.

Und wenn Ihr mit den Kindern unterwegs seid? 😉
Als Familie fallen wir natürlich noch mehr auf: Sei es in der Nachbarschaft in Zug oder in der Griechischen Gemeinde. Unsere Kinder sind meistens auch recht gut gekleidet, freundlich und anständig. Da gibt es viele, die uns fragen, wie wir dies fertig bringen. Aber für uns ist es ganz natürlich, wie wir zusammen sind und wie wir mit unseren Kindern umgehen.

Leandros mit Dafni 2008 ca. 5 Tage alt

Wie gehen die Kinder damit um, ein junges Mami und einen älteren Papi zu haben?
Ich glaube, der einzige, der das merkt, ist unserer Jugendlicher. Aber ich denke auch für ihn ist das natürlich. Die anderen merken das nicht. Im Vergleich zu den Mamis der Kollegen unseres Sohnes bin ich viel jünger. Bei der Kleinsten ist es eher mein Mann, der älter ist im Vergleich zu anderen Vätern.

Der Altersabstand und die kulturellen Unterschiede – was bedeutet das für die gemeinsame Elternschaft, die Erziehung? Wie schafft Ihr es, an einem Strang zu ziehen?
Der Altersunterschied ist für uns kein Thema. Ich bin froh, dass ich einen reiferen Mann an meiner Seite habe, an den ich mich jederzeit anlehnen kann, der weiss, was er will und der keine Flausen mehr im Kopf hat! Es hat mich nie interessiert das «Mami» von meinem Partner zu sein. Deswegen hat es mit ihm ganz gut gepasst, als ich ihn kennenlernte. Die kulturellen Unterschiede sind teilweise gross, jedoch bin ich sehr gut an seine Welt und er an meine Welt angepasst. Wir hielten es so, dass wir uns ans jeweilige Umfeld anpassten. Dabei ist unsere Familiensprache griechisch. Auch ich spreche mit den Kindern vorwiegend griechisch. Damit die Mädchen das Schweizerdeutsch nicht verlieren, sprach ich zeitweise Schweizerdeutsch mit ihnen in Griechenland. Diesen Wechsel der „Muttersprache“ nahmen sie gut an.
Die kulturellen Unterschiede sind für uns gut zu bewältigen. Unser Rezept ist, dass wir unsere eigene Weise haben, wohl eine Kombination aus den zwei verschiedenen Kulturen und Erziehungsstilen. Spricht etwas den einen oder anderen nicht an, so erledigt dies halt der andere. Am Schwierigsten sind für uns Skiferien, da Dimitris nicht Ski fährt. Unser Kompromiss ist also, dass wir öfters ein oder zwei Tage Ski fahren gehen als eine Woche am Stück. Doch sowas kann auch in anderen Familien vorkommen! Im Allgemeinen bin ich die Gelassene, die Ihre Kinder gerne fordert und fördert. Er ist eher der Übervorsichtige. Dies ergänzt sich sehr gut. Oft können wir uns eine Scheibe vom anderen abschauen!

Was für eine Einstellung haben Griechen zu Kindern, wo siehst du deutliche Unterschiede zur Schweiz, wenn Du die Familien vergleichst?
Für Griechen sind Kinder und Familie alles! Die Einstellung gegenüber Kindern ist zu 180 Grad toleranter in Griechenland wie in der Schweiz. Wenn wir in Griechenland sind, so finden wir ganz einfach ein Restaurant, in dem wir essen können. Und im besten Fall unterhält das Personal sogar noch die Kinder! Hier würde so etwas wohl nie passieren. Ich beobachte, dass griechische Eltern sich oft sehr stark für ihre Kinder opfern. Dies ist meistens sehr schön anzusehen. Mütter akzeptieren ihre Rolle natürlicherweise sehr tolerant. Sie sind stolz darauf. Es ist kaum vorstellbar, dass sich eine Griechin über ihre Kinder oder ihre Mutterrolle aufregt. Es gibt aber auch eine fliessende Grenze ins «Verwöhnen». In der Schweiz erzieht man viel strikter. Im Gegensatz zu den Griechinnen finde ich die Mütter suchen sich hier mehr. Das Ansehen der Mutter ist nicht so hoch. Die Vereinbarkeit von Frau/Mutter sein und Arbeit ist nicht klar geregelt. Es gibt fast nur «Vollzeitmama» oder arbeitende Mutter. Es ist aber nicht selbstverständlich, dass jede Frau gerne Mutter sein möchte.

Juli 2016 Schwanger mit Amaryllis Genfersee

Wie organisiert Ihr Euch im Alltag zwischen Job & den verschiedenen Bedürfnissen der Kinder?
Die Organisation über die ganzen Jahre hat phasenweise unterschiedlich funktioniert. Ein Vorteil ist natürlich, dass mein Mann schon immer Geschäftsführer, resp. selbstständig war. Dies erleichtert(e) die Organisation. Wir haben beide verschiedene Rollen. Ich bin das Organisationsoberhaupt, mein Mann übernimmt meistens den Familieneinkauf, das Kindertaxi, Kochen, Bügeln, Küche aufräumen und die Einzahlungen. Ich mache Menupläne, Wäsche, Kochen, Elterngespräche, alle schriftlichen Arbeiten, Putzen, den Garten, Basteln mit den Kindern und die Dekoration. Die Kinder ins Bett bringt, wer zuhause ist.

Wie organisiert Ihr die Kinderbetreuung?
Grösstenteils sind unsere Kinder tagsüber in der Schule oder im Kindergarten und in der Krippe (3x wöchentlich). Die anderen Tage teilen mein Mann und ich uns die Kinderbetreuung auf. Ich bin z.B. mehrheitlich für Mittwoch und das Wochenende verantwortlich, er z.B., wenn ich weg bin. Beim ersten Kind konnte er mich nicht gut ersetzen. Doch mit dem zweiten, dritten, vierten hat er sich immer mehr in seine Rolle eingelebt. Er ist ein sehr lieber Papi, manchmal etwas nachlässig, was die Kinder dann sehr gerne hinnehmen. Dann tut man halt mit Papi manchmal Dinge, die man mit Mami nicht machen dürfte. Zeitmässig ist er sehr gut beim Abholen, Bringen, etc. aber beim Abendessen vergisst er öfter mal, dass es um 18.30 Uhr auf dem Tisch stehen sollte. Deswegen gibt es bei uns u.a. einen Menüplan, auf dem ich festhalte, was zu machen ist. Im Allgemeinen sind wir beider sehr effizient in allen Abläufen und Prozessen. Vielleicht auch durch die Erfahrungen aus der Hotel- & Tourismusbranche.

Juli 2017 Familie in Davos

Bleibt auch Zeit für Euch als Paar?
Mit jedem Kind natürlich weniger. Aber das ist schon ok. Mein Mann arbeitet sehr unregelmässig. Somit ist er manchmal auch morgens zuhause. Wir schaffen uns immer Inseln, damit wir miteinander reden und einfach zusammen sein können. Seit kurzem können wir auch mal an einem Abend weggehen. Unser Sohn ist schon gross und kann teilweise auch das Hüten übernehmen. Wir sagen uns auch regelmässig, wie gern wir uns haben und zeigen uns gegenseitig Wertschätzung. Wichtig ist für uns auch, dass alle Themen, die uns beschäftigen, nur unter uns zwei bleiben. Ab 2018 haben wir uns fest vorgenommen, wieder regelmässig zu zweit etwas zu unternehmen. Da freuen wir uns jeweils wie zwei kleine Teenies drauf!

Das klingt schön 🙂 Du hast nun jedes Alter zuhause – vom Baby bis zum Teenie – welches Alter magst Du am liebsten?
Ach, ganz typisch antworte ich hier, dass jedes Alter seine Vor- & Nachteile hat und schön ist. Für mich persönlich ist es der Mix, der es ausmacht. Es wird nie langweilig bei uns! Alle Interessen und Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, ist halt nicht immer möglich. Doch da haben wir alle gelernt, auch zurückstecken zu können. Schön ist es, dass ich mit dem Teenie und der älteren Tochter schon viele Dinge, die mich beschäftigen, besprechen kann. Sie brauchen mich auch körperlich viel weniger. Dafür sind die Kleinen immer gut drauf, legen nicht jedes Wort auf die Goldwaage und stellen mich nicht in Frage. Der Spruch „kleine Kinder, kleine Sorgen, grosse Kinder, grosse Sorgen“ bewahrheitet sich halt schon 😉 Doch als nun erfahrenes Mami sehe ich der Zukunft sehr gelassen entgegen! Teenies darf man nicht immer ernst nehmen und Babies, resp. Kleinkinder erden sehr.

Vielen Dank, liebe Muriel für den interessanten Einblick in Euer Familienleben! 🙂 Wer gerne mehr von Muriel lesen möchte, findet sie auf Mom of 4.

Fotos: zVg

Mai 2017 Geburtstag Leandros ganze Familie

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