Mittagstisch mit Kindern und Lego-Monster

Konfliktzone Mittagstisch

Die Institution Mittagstisch war mir immer wichtig. Da kommt die ganze Familie zusammen, man kann Dampf ablassen, sich stärken, sich über Wichtiges austauschen, gute (oder schlechte) Noten zeigen, einen Teil der Husi (Hausaufgaben) erledigen etc. Auch während meiner Gymi-Zeit kam ich so oft wie möglich nach Hause (mein Vater arbeitete zum Glück schulnah und konnte mich immer mitnehmen) – mit meinen Eltern zu essen war mir deutlich wichtiger als Socialising in der Mensa. Dort ass ich höchstens wenn der Menuplan mal etwas superleckeres beinhaltete oder wir noch gemeinsam Gruppenarbeiten machen mussten o.ä.

Ein wichtiger Break

So habe ich den Mittagstisch als Fast-Einzelkind äusserst positiv in Erinnerung. Eine Erleichterung war es drum, als wir vor über 4 Jahren in unser Haus in die Nähe des Arbeitsplatzes meines Mannes zogen, denn vorher war es ihm nicht möglich, in der kurzen Mittagspause nach Hause zu fahren.
Der Break am Mittag, gerade als Mama, die zuhause ist, ist wahnsinnig wichtig und entlastend. Auch wenn ich dann in der Küche stehe und alles sauber mache, ich habe einfach mal für 10 Minuten meine Ruhe 😀 Mein Mann dafür nicht, ich schätze mal, für ihn ist das einzig Gute die warme Mahlzeit *lol*
Nein… ich denke er schätzt es genauso, aber hey, der Zeitpunkt, in dem die Grossen, meist parallel, nach Hause preschen, ist sowas wie der Moment in der Notaufnahme wenn die ganzen Opfer einer Massenkarambolage nacheinander mit dem RTW ankommen. Oder wie ein Kampf an der Kriegsfront, in dem Mann, Gewehr im Anschlag, auf den Angriff wartet. Das Problem ist nur: ich bin nie bereit. Ich stehe meistens am Herd und verhindere, dass was anbrennt. Derweil stürmen die Kinder die Bude mit Prüfungen, die unterschrieben werden müssen, mit Info-Zetteln, die beachtet werden sollen, Kunstwerken, die bestaunt werden wollen, leeren Znünidosen, kaputten Velohelmen, geschundenen Knien und Fundstücken vom Wegesrand. Ein Tohuwabohu sondergleichen, das Mäuschen mittendrin – meist auch noch mit voller Windel oder irgendeinem anderen Bedürfnis. Feuerwehrig muss ich innert Millisekunden abschätzen, welcher Brandherd am Dringendsten gelöscht werden muss. Als Traumatologin mitten im Schlachtfeld klassifiziere ich Hausaufgabenbegleitung und Playdate-Einladungen während das Telefon klingelt. Ich wünsche mir vier Arme mehr und Augen am Hinterkopf. Und nicht zu vergessen haben natürlich die Kinder schon um 10 vor 12 Uhr einen Bärenhunger und wollen auf der Stelle irgendetwas essen. Was im Topf in der Küche brodelt, gehört natürlich nicht dazu.

Mittagstisch Mädchen füttert mit Gabel ihre kleine Schwester

Wenn das Essen auf dem Tisch sind, beruhigen sich die hungrigen Mägen und Gemüter 😉

Inhale, exhale…

Irgendwann steht für alle etwas Essbares auf dem Tisch, der Mann ist da und die grösste Krisenintervention liegt hinter uns. (Von der Essen-Verschmäh-Krise rede ich mal lieber nicht). Ich atme ein und atme aus. Und frage mich, wie das in Grossfamilien so läuft, ohne, dass die Eltern danach selber eingeliefert werden müssen – in die geschlossene Anstalt! Dabei redet die Kleinste hier noch nicht mal mit, es sind nur die Grossen, der Mann und ich…
Mein Vater erinnert sich daran, dass die neun Kinder gestaffelt essen mussten weil es sonst keinen Platz am Tisch hatte für alle. Und vermutlich mussten meine Grosseltern die Kinder, die etwas zu erzählen hatten, der Reihe nach aufrufen 😀 Und Unterschriften verteilten vermutlich die älteren Kinder denn jüngeren, wer weiss 😀
Trotzdem darf dies gerne als Pladoyer für den häuslichen Mittagstisch verstanden werden. Ich könnte es mir nicht vorstellen, so weit weg zu arbeiten, dass ich mittags meine Familie nicht sehen könnte. Vielleicht wäre es anders, wäre ich selber nicht so aufgewachsen?

Das Auffangnetz fehlt

Natürlich ist es für weiter weg oder nur mit kurzer Mittagspause arbeitenden Eltern entspannter, sich zum Lunch mit Arbeitskollegen zum Sushi zu treffen oder im Büro kurz ein Sandwich einzuhauchen. Aber was den Kindern mittags auf der Seele brennt, das ist abends bereits passé. Abends sind auch wir Eltern nicht mehr wirklich aufnahmefähig und jeder ist irgendwie froh, wenn er seine Ruhe hat. Und da der Mann morgens das Haus meist schon verlässt bevor die Kinder und ich wach sind, ist uns eben der gemeinsame Mittagstisch wichtig. Kommt der Mann mal nicht nach Hause, merkt man das sofort: da fehlt das Auffangnetz. Oft hole ich dann etwas vom Thailänder im Dorf. So kann ich mich ganz dem widmen, was da so auf mich einstürmt – als Fels in der Brandung. Oder so 😉

Wie ist das bei Euch? Ist der Mittagstisch auch so eine Konfrontationszone mit anschliessender Raubtierfütterung. Oder geniesst Ihr eher ein stummes Frühstück unter Morgenmuffeln (möglicherweise habt Ihr aber ein paar Lerchen am Tisch). Vielleicht wird ja auch abends gemeinsam gross aufgetischt weil das Eure Familienmahlzeit des Tages ist? Mögt Ihr mal berichten?

3 Kommentare zu “Konfliktzone Mittagstisch

  1. Sehr schön geschrieben 😀
    Bei uns ist es mittlerweile so, dass ich bei der Großen eher pulen muss, um etwas zu hören. Die Pubertät ist da.
    Wenn sie dann aber redet, dann muss ich aufpassen, dass andere auch noch zu Wort kommen 😉 Es ist sehr sehr gut, dass sie (derzeit noch) jeweils eine halben Stunde versetzt gehen/heimkommen. Da hat MiniMe2 schon fertig, da kommt MiniMe1 heim. Ab nächstem Jahr ist das vorbei… Puh…

    Nun denn, schön ist es, wenn gemeinsam gegessen wird, ich finde das sehr wichtig.
    Liebe Grüße aus dem Hunsrück
    Claudia

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  2. Tja, je höher die Erwartungen, desto schlimmer die Enttäuschungen 😉
    Bei uns brachte die Umstellung auf Rohköstliches eine wunderbare Wende. Es gab ein immer gut bestücktes Buffet, an dem sich jeder nach Lust bediente. Das war fast so wie der Kommunikationsort Kaffeeautomat in Firmen.
    Dabei lernte ich auch von den Kindern zu lernen und nicht umgekehrt. Die hatten bald so geniale Kombinationen und Gerichte raus, dass wir nur so staunten …
    Liebe Grüße und
    paradise your life!

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