Schwangere Mutter mit ihrem Sohn

Familienpolitik quo vadis?

Ich weilte gestern an der Präsentation der Ergebnisse einer gross angelegten Befragung von Familien mit Kindern bis zu 12 Jahren in Liechtenstein. Diese wurde von der Regierung beauftragt, nachdem die Volksabstimmung zum Familienzulagengesetz von 2016 abgeschmettert wurde.Auch als in der Schweiz lebende „Ausland-Liechtensteinerin“ verfolge ich das Thema stark. In der Schweiz ist die Situation mit nur 16 Wochen Karenz ja in Bezug auf das 1. Lebensjahr des Kindes noch schlimmer. Meine Leser aber auch generell Eltern aus Deutschland und Österreich schütteln jeweils ungläubig den Kopf wenn sie von der Situation hier erfahren. Arbeiten bis zum Geburtstermin und danch möglichst schnell wieder zurück in den Job – für viele undenkbar und zum Glück auch nur für die wenigsten in unseren Nachbarländern Realität. Gerade auch in bindungsorientierten Kreisen gelten unsere Länder (FL/CH) diesbezüglich als barbarisch. Nicht einmal die Vollstillzeit von 6 Monaten (WHO-Empfehlung) wird den Müttern gegönnt. Nein, es ist in der Schweiz und Liechtenstein Alltag, sich mit dem regelmässigen Abpumpen von Milch zu beschäftigen (oder jemandem, der das Baby in der ersten Zeit bringt), meist unter widrigen Umständen auf Toiletten und in der Pause – aus Angst, der Arbeitgeber könnte die Kündigung aussprechen, obwohl das Gesetz Raum und Zeit dafür verlangt.

Mit kleinen Schritten zum Ziel

Was es brauchen würde, damit sich die Situation verbessert, habe ich bereits im oben verlinkten Beitrag vom September 2016 aufgelistet. Geschehen ist seitdem nichts, aber die Ergebnisse der Umfrage haben deutlich gezeigt, dass diese (und weitere) Punkte genauso von den Eltern gewünscht werden. Eine bereits um 1-2 Monate verlängerte Karenzzeit würde die Situation merklich entspannen – für alle Beteiligten. Dass auch ein bezahlter Vaterschaftsurlaub von wenigstens 2 Wochen längst reif wäre, um die frischgebackene Mutter in der so sensiblen ersten Zeit im Wochenbett zu entlasten, scheint gerade unerreichbar zu sein. 76 Prozent aller Befragten wünschen sich einen bezahlten Elternurlaub (80% des Lohns). Dieser sollte flexibel aufgeteilt und gestaltet werden können. Damit z.B. ein Vater nicht zu lange im Job fehlt, kann dieser Urlaub auch eine zeitlich befristete Teilzeitarbeit statt ein komplettes Fehlen am Arbeitsplatz bedeuten. Wie Regierungsminister Mauro Pedrazzini gestern sagte, ist ein grosser Schritt von heute auf morgen kein politisch realistisches Ziel. Einverstanden. Aber Kleinvieh macht auch Mist und eine Verlängerung der Karenz und ein bezahlter Vaterschaftsurlaub wären bereits ein schöner, kleiner Schritt, welcher der Elternzeit unserer Nachbarländern vielleicht schon ein bisschen nahe kommt.

Die Wirtschaft als sturer Verhinderer

Pedrazzini wünscht sich auch, dass der bereits vorhandene, unbezahlte Elternurlaub „mit mehr Leben gefüllt“ werde. Natürlich wäre es schön, wenn möglichst viele diesen Urlaub beanspruchen würden (das Wort Urlaub finde ich übrigens nicht angebracht, denn Urlaub ist alles, nur nicht die Betreuung eines Babys – diese ist im Gegenteil ein 24h-Job! 😉 aber die Realität zeigt, dass die einen ihn sich nicht leisten können und bei den anderen der Arbeitgeber blockiert. Was also nützt dieser Urlaub wenn er gar nicht erst bezogen werden kann!?
Es ist die Wirtschaft, welche den Familien die meisten Steine in den Weg legt. Als Frau muss man schon mal froh sein wenn man für die gleiche Arbeit gleich viel Lohn erhält. Wird man dann schwanger, ist der Arbeitgeber alles, nur nicht erfreut (sollte er aber, denn er will ja auch in der nächsten Generation noch qualifizierte Arbeitnehmer anstellen können, die seine AHV-Rente bezahlen – aber soweit denkt ja keiner). Von Teilzeitstellen oder Job-Sharing hat er zudem offenbar noch nie gehört (auch nicht, dass Teilzeitler produktiver arbeiten), denn in der Liechtensteiner Industrie beträgt der Anteil an Teilzeitstellen magere 8%! Dabei sind es längst nicht nur Eltern, die gerne TZ arbeiten würden, sondern auch immer mehr Junge, die lieber weniger verdienen und mehr vom Leben haben. Fazit: es braucht eine Teilzeitquote!

Mit Betreuungsgeld zur wichtigen Wahlfreiheit

Mit der Kinderbetreuung waren die meisten aus der Umfrage relativ zufrieden, wobei auch klar wurde, dass diese vor allem in der erweiterten Familie (Stichwort Grosseltern!) gelöst wird und auch, dass gerade im ersten Lebensjahr seines Kindes die Betreuung ungern outgesourct wird (Stichwort Elternzeit!). Auch im Jahr 2016 ging es schon darum, dass weder die eine noch andere Art der Kinderbetreuung vom Staat finanziell mehr gefördert werden sollte. Ein zusätzlich zum Kindergeld bis zu einer gewissen Einkommensgrenze und bis zu einem bestimmten Lebensjahr des Kindes (mindestens 1. Lj.) ausbezahltes Betreuungsgeld wäre fair und würde den Eltern die Wahlfreiheit lassen, ihr Kind wenigstens im ersten Lebensjahr selber zu betreuuen, den Grosseltern ein Honorar zahlen zu können oder das Geld für Kita-Tage, eine Tagesmutter oder Nanny etc. zu verwenden.
Die Frage, wer für Karenz, Elternurlaub und Betreuungsgeld zahlt, wird mit den Überschüssen der FAK (Familienausgleichskasse), der Wirtschaft und den Steuern beantwortet. Und für alle, die jetzt zu jammern beginnen: diese Gelder sind als Investition in die Familie und damit unsere Zukunft zu sehen! Es ist Geld, das sich später doppelt und dreifach wieder bezahlt macht! Zufriedene Eltern und glückliche Kinder, die Zeit für sich haben, betreuuen später auch voller Elan ihre Enkelkinder und bilden als gut ausgebildete und durch ihre Bindung zum Elternhaus gestärkte Pfeiler der Gesellschaft (das klingt jetzt etwas pathetisch, aber ich hoffe Ihr wisst, worauf ich hinaus will...) Und wie aus der Umfrage auch klar wurde: So lange man noch über Gelder für Hängebrücken, Pflastersteine, Kletterhallen und dergleichen diskutieren kann, sollten Gelder für Familien selbstverständlich sein.

Es gibt viel zu tun – packen wir’s an?

Die Pendenzenliste für die Politik ist lang. Während Kleinbaustellen wie flächendeckend angebotene Mittagstische und flexible Ein- und Ausgangszeiten in der Schule, welche sich berufstätige Eltern von Schulkindern längst wünschen, weil sie deren Alltag massiv erleichtern würden (gerade, wenn mehrere Kinder vorhanden sind), vermutlich relativ problemlos und im Konsens aller eingeführt werden können, werden grössere Veränderungen wie bereits oben erwähnt vermutlich mehrere Anläufe oder eine längere Umsetzung brauchen. Die Politik weiss dank der Auswertung der Umfrage jetzt aber klar und deutlich, was sich Familien wünschen und ist jetzt gefordert, mit Vollgas an die Sache heranzugehen.
Zwar verliess ich den Saal gestern wegen der Müdigkeit der Kleinen vorzeitig, während meiner Anwesenheit fielen aber leider von Herrn Pedrazzini keine konkreten Worte darüber, wie seine To-Do-Liste nun aussieht. Es wäre schön zu erfahren, ob und wie er welche Punkte nun umzusetzen gedenkt.

Familie heute und in Zukunft – Umdenken gefordert

Familienarbeit war generell ein Thema gestern. So äusserte Linda Märk-Rohrer, eine der Autoren der Umfrageergebnisse (die hier übrigens zum Download bereitstehen), gestern, dass sie es „beeindruckend“ fände, dass manche Frauen nach der Arbeit, dem Holen und der Zeit mit den Kindern abends noch bis 23 Uhr mit dem Haushalt beschäftigt sind. Nein, liebe Frau Märk-Rohrer, das ist nicht beeindruckend, das ist Realität, egal, ob und wie lange Eltern arbeiten. Kinder sind nun mal, zumindest solange sie noch klein sind, nichts, was man nebenbei schaukeln kann. Sie brauchen uns.
Ganz grässlich fand ich das folgende Zitat aus der Umfrage: „Da sitzt ganz viel Humankapital einfach neben dem Sandkasten.“ Egal in welchem Zusammenhang… wenn der Mensch nur noch als Humankapital angesehen wird, wie werden wir da enden!? Klar, wenn das Humankapital lieber nicht am Sandkasten wäre, weil es nicht die optimalen Bedingungen für den Wiedereinstieg ins Berufsleben fand, dann ist das natürlich doof, aber vielleicht will das Humankapital ja da sitzen und dann soll es das auch dürfen. Und sässe es nicht da, sässe dann ein Humankapital von minderem Wert da!? Und das wäre dann besser – für die Wirtschaft, das System (Das Kind im Sandkasten fragt ja gerade keiner, was ihm lieber ist)!? Zudem sitzt das Humankapital ja vielleicht gar nicht den ganzen Tag neben dem Sandkasten, das weiss man ja nicht. Und vermutlich wird es nicht die nächsten Jahre dort sitzen, sondern nur temporär, denn Kinder finden irgendwann Sandkästen gar nicht mehr spannend oder finden es doch, müssen aber in den Kindergarten und das Humankapital hat Zeit um seiner Bestimmung zu folgen, was auch immer das sein mag…

 

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