Buchrezension: "Stillen ohne Zwang" von Sibylle Lüpold

Da das Stillen seit der Geburt meines Sohnes ein grosses Thema ist (ich stille aktuell noch unsere Kleine, wenn auch immer seltener…), habe ich in den letzten Jahren zahlreiche Artikel und Bücher zum Thema gelesen. So war auch Lüpold’s Werk für mich ein Muss, zumal ich wohl in Zukunft noch viel mehr über’s Stillen erfahre da ich meine Ausbildung zur Stillberaterin LLL nun offiziell begonnen habe.
Die Autorin (die übrigens in der Schweiz wohnt) war mir ein Begriff, schrieb sie doch u.a. bereits das Buch „Ich will bei Euch schlafen!“, von dem ich nur Gutes hörte, es selber aber nie las. Wir praktizieren hier aber eh das Familienbett, wenn auch der Grosse meist sein Bett vorzieht 😉

Nun aber zum Buch: Ich war positiv überrascht. Ich dachte angesichts des Titels erst, dass das Buch ein bisschen den von einigen Frauen offenbar empfundenen Stillzwang kritisieren würde, einen Zwang, der mir nie begegnet ist, im Gegenteil: Ich habe es eher umgekehrt erlebt aber genau das schreibt auch Sibylle Lüpold. Trotzdem ist das Buch kein Aufruf für oder wider das Stillen sondern einfach sehr, sehr informativ. Es führt durch zahlreiche Themen, angefangen vom Stillen in anderen Kulturen und in früheren Zeiten über die Bedeutung der Väter für die kindliche Bindung bis zu den Einflüssen auf die stillende Mutter. Und natürlich werden auch die Grundlagen für einen glücklichen Stillstart und allfällige Stillproblemem beleuchtet. Dies macht das Buch aus meiner Sicht zu einer unverzichtbaren Lektüre für alle schwangeren Frauen, die gerne stillen möchten. Denn nach wie vor wird das Stillen in Geburtsvorbereitungskursen und in klassischen Ratgebern für die Schwangerschaft nur marginal (wenn überhaupt) behandelt. Dies wurde vor 4 Jahren auch mir zum Verhängnis, war ich doch null vorbereitet darauf, geschweige denn informiert darüber, dass das Stillen auch mit Problemen verbunden sein könnte.
Zwar ist das Buch nicht als Problemlöser bei Milchstau, zu wenig/viel Milch etc. zu verstehen (dafür gibt es dann wieder genügend Literatur und natürlich die Stillberatung), dafür aber zeigt es auf, warum viele Probleme überhaupt erst entstehen und wie einfach sie zu vermeiden wären. Auch hier wird noch einmal bestätigt: Es gibt nur sehr, sehr wenige Frauen (rund 5%), die aus körperlichen Gründen nicht stillen können. Oft scheitert es nicht an scheinbaren Gründen wie dem Klassiker „ich hatte zuwenig Milch“, sondern z.B. an mangelhafter Unterstützung und Begleitung, an Stress oder an der Mutter, die sich mit dem Stillen vielleicht einfach nicht anfreunden konnte.
Spannend ist auch das Kapitel über Vereinbarkeit von Beruf und Familie, in dem aufgezeigt wird, dass vieles, was in Theorie vielleicht funktionieren mag, praktisch nur schwer umzusetzen ist und wie viele Frauen eigentlich unter Druck stehen, so schnell als möglich ohne Einschränkungen ins Berufsleben zurückzukehren, dabei aber eigentlich viel lieber bei ihrem Kind bleiben würden. Hier gibt es noch viel zu tun.
Ebenfalls fatal kann sich das in der westlichen Welt kaum richtig praktizierte Wochenbett auswirken. Lüpold schreibt: „Der Humanethologe Wulf Schiefenhövel ist der Ansicht, dass die postnatale Depression kulturgebunden ist und in der westlichen Gesellschaft aufgrund fehlenden Körperkontakts zwischen Mutter und Kind und fehlender sozialer Unterstützung vermehrt auftritt. (…) Die Zeit des Wochenbetts (…) dient eigentlich als protektive Zone für die Mutter-Kind-Bindung. Im Westen ging dessen Bedeutung weitgehend verloren“.

Sehr schön ist die „persönliche Vision einer Mutter-und-Kind-gerechten, stillfördernden Gesellschaft“, die für mich weit über das Stillen hinausgeht und für mich die Bindung zum Kind allgemein fördern würde, wäre sie umgesetzt. Ich kann die 15 Punkte, die Lüpold notiert hat, unterschreiben und würde sie gerne teilen falls die Autorin sie elektronisch zur Verfügung hat, ansonsten schreibe ich sie vlt bei Gelegenheit ab 😉 Toll wäre nämlich wenn Entscheidungsträger aus Politik und Gesellschaft diese lesen würden…

In „Stillen ohne Zwang“ kommen auch viele Eltern, Mütter wie Väter durch kurze oder längere Zitate zu Wort. Es werden Studien und Literatur zitiert. Man merkt, dass sich die Autorin wirklich eingehend mit der Thematik beschäftigt hat und zwar nicht nur in der Theorie sondern auch in der Praxis, schliesslich ist die Mutter dreier Kinder auch Stillberaterin.

Zum Schluss noch zwei Zitate:

  • Wenn eine Mutter ihrem Kind durch ihre Anwesenheit viel Nähe und Geborgenheit vermittelt und der Vater sie dabei unterstützt, ist das eine Investition in seine gesunde Entwicklung, ein Einzahlen auf das gemeinsame Beziehungskonto, von dem die Eltern später wieder werden abheben können. Das Leben mit einem sicher gebundenen, innerlich gefestigten Kind ist eine grosse Bereicherung.
  • Die Bedürfnisse des Kindes müssten auf bestmögliche Weise erfüllt werden, damit es sich gut entwickeln und später als selbstbewusster, gefestigter und mitfühlender Erwachsener die Gesellschaft bereichern kann. Damit dies möglich ist, müssen (…) die Mütter gestärkt werden.

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