Kind unter Wasser

Wie die „Rochenkinder“ natürlich schwimmen lernen

Anja Kerkow ist die Gründerin der „Rochenkinder„. Ihr Konzept ist nicht das einen klassischen Schwimmkurses, sondern sie lernen im eigenen Tempo, ganz ohne Angst. Und das Resultat: die Rochenkinder schwimmen „mit Freude und Leichtigkeit“ und zeigen „pure Lebensfreude“ im Wasser. Im Interview erklärt sie mehr…

Anja Kerkow, Rochenkinder - natürlich schwimmen lernen
Anja Kerkow, Bild zVg

Anja, wie entstand das Konzept der „Rochenkinder”?
Noch während ich in meiner Jugend aktive Wettkämpfe und Meisterschaften geschwommen bin, habe ich begonnen, Kindern in meinem Heimatverein das Schwimmen beizubringen.

Damals machte ich das so, wie es alle machten: Brustarmzug, Froschbeine, erst mit Schwimmbrettern oder -gürteln, später ohne. Eines irritierte mich: Es gab Kinder, die Angst hatten. Manche weinten sogar.

Ich selbst hatte schon mit drei Jahren schwimmen gelernt und das Wasser seitdem immer mit Freude verbunden. Also begann ich, mir Fragen zu stellen, wie: Was brauchen Kinder, um mit Freude sicher schwimmen zu lernen? Während der vielen Stunden mit den Kindern im Wasser wurde mir klar, was die Kinder tatsächlich brauchen um ohne Angst und Druck schwimmen zu lernen. Und welch grosse Rolle „Beziehung“ beim Lernen spielt.

Schwimmen lernen ist wichtig. Bereits im Babyschwimmen kann man sein Kind ans Wasser gewöhnen. Was hältst Du davon?
Das klassische Babyschwimmen beginnt oft im Alter von 3 Monaten und die Kinder werden nach Anweisung in einer Art Wassergymnastik durch das Wasser gezogen. Nicht selten gehören auch noch Tauchübungen zum Programm. Die grösste Sorge, die Eltern haben, ist, etwas zu verpassen und ihr Kind nicht optimal zu fördern. Aber macht es wirklich Sinn, mit einem jungen Säugling ein Schwimmbad zu besuchen?

Zuhause mit dem Wasser in Kontakt kommen

Aus meiner Sicht sprechen eine Reihe von Gründen dagegen. Die neue und ungewohnte Umgebung mit all ihren Geräuschen, Gerüchen und unbekannten Menschen stellen schnell eine Reizüberflutung dar.

Da ein Kurs in der Regel zu einer bestimmten Uhrzeit beginnt, beeinflusst dieser den Schlaf-Wach-Rhythmus des Kindes. Bei den Sing- und Hüpfspielen wird der Säugling schnell zum Objekt, alle Stimulationen kommen von aussen und entsprechen nicht den Bedürfnissen des Kindes.

Daheim in der vertrauten Umgebung gibt es unzählige Möglichkeiten, mit dem Wasser in Kontakt zu kommen. Zu jeder Zeit, ohne Kurs und ohne lange Anreise.

Über das Spielen mit Wasser vertraut werden

Mädchen am Pool
Das Mäuschen spielt unter Aufsicht am Pool.

Reguläre Schwimmkurse werden hier ab 4 Jahren angeboten. Ist das ein gutes Alter um zu starten?
Viele bedenken nicht, dass das Verhältnis zum Wasser schon lange vor dem ersten Schwimmbadbesuch geprägt wird. In vielen alltäglichen Situationen – beim Händewaschen, Baden und Blumen giessen – ist Wasser mit im Spiel. Kleinkinder beschäftigen sich begeistert mit Schütten, Giessen, Füllen und Leeren.

Über das Spielen mit dem Wasser beginnen sie, sich mit dem Element Wasser vertraut zu machen. Schwimmen lernen braucht Zeit und wenn du später nicht unter Zeitdruck geraten willst, beginnst du bereits im Kleinkinderalter mit den ersten Schwimmbadbesuchen.

Ich habe instinktiv meinen Kindern nie Schwimmhilfen angezogen weil sie falsche Sicherheit vermitteln. Siehst Du das ähnlich?
Auftriebshilfen sind für das sichere Schwimmen Lernen gänzlich ungeeignet. Das Kind hat nicht die Möglichkeit, sich ein Bild von seinen eigenen Fähigkeiten und Grenzen zu machen. Und ja, sie vermitteln eine falsche Sicherheit.

Auftriebshilfen sind für das sichere Schwimmen Lernen gänzlich ungeeignet.

Auch werden die Eltern oft unaufmerksam, verlassen sich auf die Auftriebshilfen und behalten ihre Kinder nicht mehr so im Auge, wie es nötig wäre. Das kann schnell zu einer Gefahr werden.

Ausserdem werden die Kinder daran gehindert, sich mit dem Auftrieb des Wassers auseinanderzusetzen. Sich vom Wasser tragen zu lassen ist eine der grundlegenden Erfahrungen beim Schwimmen Lernen.

Schwimmabzeichen sind leistungsorientiert

Was stört Dich an den regulären Kursen, nach denen die Kinder die bekannten Abzeichen (Seepferdchen, Krebs etc.) erhalten?
Gleich vorab: Das Seepferdchen-Abzeichen ist kein Garant dafür, dass dein Kind sicher schwimmen kann. Viele Eltern messen dem Seepferdchen eine viel zu hohe Bedeutung bei. Denn Schwimmabzeichen sagen nur bedingt etwas über die Wassersicherheit eines Kindes aus. Auch Seepferdchen-Kinder dürfen im und am Wasser nicht aus den Augen gelassen werden.

Ist das Kursziel das Erreichen eines Abzeichens, wird ganz gezielt nur auf die erforderlichen Leistungen trainiert und die für die Wassersicherheit und kindliche Entwicklung notwendige Vielseitigkeit vernachlässigt. Werden Kinder für bestimmte Leistungen beispielsweise durch das Schwimmabzeichen belohnt, tun sie oft Dinge, zu denen sie im Grunde noch gar nicht bereit sind.

Auch rückt der Vergleich mit anderen immer mehr in den Vordergrund, anstatt im eigenen Tempo ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln und das Schwimmen Lernen als freudvollen, individuellen Prozess zu erleben.

Wasservertrautheit als Fundament

Was können Eltern, gerade jetzt, da während Corona nicht überall Kurse angeboten werden, tun, um ihr Kind ans Schwimmen heran zu führen?
Das Fundament des Schwimmen Lernens ist die Wasservertrautheit und nicht, wie allgemein angenommen, die Schwimmbewegungen. Geben wir Kindern die Möglichkeit, sich wirklich umfassend mit dem Element Wasser vertraut zu machen, können sie sich die wichtigen Grundfertigkeiten des Schwimmens, wie das Tauchen oder das Gleiten, selbst erarbeiten.

Die Kinder lernen intuitiv, die Eigenschaften des Wassers wie den Auftrieb oder den Wasserwiderstand auszunutzen. So lernen sie, sich ganz natürlich im Wasser fortzubewegen und zu schwimmen. Nicht nur jetzt, während Corona, beginnt das Schwimmen Lernen immer daheim. Denn die nötige Wasservertrautheit zu entwickeln braucht Zeit.

Ist es überhaupt möglich, dass Eltern, die ja keine Schwimmlehrer sind, ihren Kindern das Schwimmen beibringen können?
Damit Kinder mit Freude sicher schwimmen lernen, braucht es vor allem eines: Das Kind muss sich wohl und sicher fühlen. Als vertraute Bezugspersonen sind Eltern die idealen Begleiter ihres Kindes auf dem Weg zum sicheren Schwimmer. Sie bieten ihrem Kind den sicheren Hafen und die emotionale Sicherheit, um sich auf das neue Element Wasser einzulassen, zu spielen, zu forschen und Neues zu wagen.

Eltern sind die Experten für ihr Kind.

Eltern sind zwar keine professionellen Schwimmlehrer, aber die Experten für ihr Kind. Beim natürlichen Schwimmen Lernen geht es ja nicht darum, Schwimmbewegungen zu unterrichten, sondern den Kindern eine freie Bewegungsentwicklung im Wasser zu ermöglichen, damit sie sich mit Freude und Sicherheit dem Wasser zuwenden können.

Online-Kurs „Natürlich schwimmen lernen“

In meinem Online-Kurs „Natürlich schwimmen lernen“ (nächster Kursstart am 5. Mai!) begleite ich Eltern dabei, ihrem Kind diesen besonderen, achtsamen Weg des sicheren Schwimmen Lernens zu ermöglichen.

Was muss ein Kind können, dass es als komplett schwimmtauglich gilt, also theoretisch auch ohne Aufsicht ans Wasser darf?

  1. Sicheres Orientieren unter Wasser mit geöffneten Augen (natürlich ohne Schwimmbrille).
  2. Drehen in alle möglichen Körperpositionen im Wasser (bei einem Sturz ins Wasser landest du selten direkt in der perfekten Schwimmposition).
  3. In Rückenlage genau so sicher wie in Bauchlage sein und jeder Zeit in die andere Position wechseln können.
  4. Weiter zu schwimmen, auch wenn es Wasser verschluckt hat. Es muss nicht anhalten
  5. Springen in vielen Variationen mit vollständigem Eintauchen ins Wasser.
  6. Sich entspannt aufs Wasser legen und sich auftreiben lassen.
  7. Unter Matten durchtauchen.
  8. Rollen im und ins Wasser, ohne dabei Wasser in die Nase zu bekommen.
  9. In Kleidung schwimmen.
  10. Eine Viertelstunde ohne Pause und ohne Hilfestellung im nicht stehtiefen Wasser sicher schwimmen
  11. Gutes Einschätzungsvermögen der eigenen Fähigkeiten.

Ab wann dein Kind ohne Aufsicht ans Wasser darf, hängt jedoch nicht nur von den Fähigkeiten, sondern auch vom Alter, der Risikokompetenz, der Umgebung und der Begleitung ab. Dein Kind kann noch so wassersicher sein, wenn jemand auf dein Kind springt, es bewusstlos wird und niemand zu Hilfe kommt, kann es schnell lebensgefährlich werden.

Über Anja Kerkow

Anja ist ehemalige Leistungsschwimmerin, Schwimmlehrerin, Motopädagogin und in Ausbildung zur Pikler-Pädagogin. In den Schwimm- und Onlinekursen ihrer Schwimmschule ROCHENKINDER begleitet sie nach dem von ihr entwickelten Konzept des natürlichen Schwimmens bereits seit 2003 Kinder achtsam und bedürfnisorientiert auf ihrem Weg zum sicheren Schwimmen. Mit ihren Kindern lebt sie im Hohen Fläming in Brandenburg, Deutschland 

www.rochenkinder.de

Mein Fazit

Mit meinen älteren beiden Kindern habe ich tatsächlich das Babyschwimmen und einen regulären Schwimmkurs besucht. Man darf auch nicht vergessen, dass Kurse wie das Babyschwimmen oft auch den Eltern etwas Gutes tun – mal aus dem Haus kommen, Abwechslung und meist macht es den Kleinen ja Spass, sonst bricht man den Kurs schnell wieder ab… 😉 

Bei den Grossen dachte ich mir, dass wir als Eltern nicht kompetent genug sind und das obwohl wir tatsächlich fast jede Woche gemeinsam ins Hallenband sind um zu „plantschen“. Beide haben dann trotz grossem Stress (Fahrerei, alle mussten mit) fast oder sogar alle Abzeichen gemacht.

Das Mäuschen wäre jetzt auch im Alter dafür, aber ich weiss jetzt schon, dass das nichts für sie wäre. Also lassen wir uns Zeit und hoffen, dass wir ab Herbst wieder halbwegs „normal“ ins Hallenbad gehen können…

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