Mordfall in Balzers (FL) – meine Gedanken

Normalerweise verfolge ich Schreckensmeldungen nicht, schon gar nicht wenn es um Kinder geht. Da schalte ich aus, blättere um oder bitte meinen Mann, mir die Story bitte nicht zu erzählen wenn er heimkommt und ansetzt „Hast Du gehört,…?“ Seit ich Mutter bin ertrage ich nichts mehr.
Passiert aber so etwas schreckliches wie ein Mord in so unmittelbarer Nähe in seinem Heimatland, das so klein ist, dass hier fast jeder jeden kennt und ein Mord ein Verbrechen ist, das nur alle paar Jahre vorkommt, dann lässt es auch mich nicht kalt. Ich gerate dann, ob ich will oder nicht, hinein in einen Sog von Gedanken, Bildern und Informationsbeschaffung. Da werden Facebook-Threads verfolgt, es wird mit anderen Müttern diskutiert und abends liege ich im Bett und rotiere wie ein Helikopter über Tat- und Fundorten etc. So ist das bei mir, ich kann das nicht so schnell ad acta legen, erst dann wenn sich der Mediensturm erholt hat und die Normalität wieder eingekehrt ist. Wenn so gut wie niemand mehr darüber spricht.
Selbstmorde oder unnatürliche Todesfälle (Unglücksfälle u/o Krankheiten bei noch jungen Menschen) sind in Liechtenstein keine Seltenheit. Das passiert schon mal aber auch nicht oft genug um kein Aufsehen zu erregen. Auch das kümmert mich dann, geht mir eine Weile nach… Aber nicht derart, auch nicht wenn ich die Person flüchtig kannte, denn es handelt sich um Schicksale bzw. Verzweiflungstaten, die nur kleine Kreise werfen… Mord aber ist die „Königsdisziplin“ wenn man so will. In New York City mag alle paar Minuten jemand daran sterben, dort tangiert das kaum jemanden, hier sprechen alle von nichts anderem wenn dies geschieht. „Hoi, wia goht’s? Häsch ghört…?“
Es folgt also dieser Mann, der später mit Glatze und Brille als Fahndungsfoto durch die kleine Welt hier geht, gestern Morgen in der Parkgarage der Bank Frick & Co. AG in Balzers, die unterdessen eine Stellungnahme publiziert hat, seinem Opfer, dem CEO, Jürgen Frick. Er hat eine Waffe und schiesst drei mal. Die Überwachungskamera zeichnet alles auf. Wenig später findet ein Mitarbeiter der Bank den Familienvater tot auf. Am Nachmittag wird in Ruggell, dem nördlichen Ende des Landes, das Auto des Täters, Jürgen Hermann, gefunden. Polizeihunde stossen auf eine Jacke, Reisepass und ID von Hermann. Im Pass angeblich so etwas wie ein Geständnis und ein Abschied. Die Vermutung: Hermann stürzte sich in den Rhein. Eine Leiche wurde bisher nicht gefunden.
Viele glauben, dass er noch lebt. Dass er untergetaucht ist. Dass er vlt weitere potentielle Todeskandidaten aufsuchen wird weil er in der Vergangenheit fünf Menschen genannt hat, die ihm angeblich geschadet haben. Es geht um Geld, Ihr könnt das alles in den Medien nachlesen…

  • Was braucht es um einen Mord nicht nur zu planen, sondern auch durchzuführen wenn man sich mit der Waffe der Person nähert, auf die man es abgesehen hat? 
  • Was geht danach in einem vor? Ich glaube, dass besagter Mann wohl einige Schrauben locker hat aber nicht genug um weiter zu leben. Ich denke auch, dass er sich umgebracht hat weil ich nicht glaube, dass man mit einer solchen Tat leben kann. Erstmal nicht psychisch und abgesehen davon kann man das bisherige Leben nicht mehr so weiterführen wie es war. 
  • Beide Männer hatten Familie, Frau und je 3 Kinder. Unvorstellbar wie sich die Hinterbliebenen fühlen müssen. Wie sieht eine Beerdigung eines Menschen aus, der ermordet wurde? Was sagt der Pfarrer?
  • Wie kann das KIT (Kriseninterventionsteam) den Familien helfen? Den Bankangestellten?
  • Wie muss es sein wenn man am Morgen zur Arbeit will und erfährt, dass der Chef ermodet wurde.
  • Ich war selber dort, in der Bank Frick, vor Jahren. Das Gebäude war ziemlich neu damals und ich war zuständig für die Baureportagen also auch für diese. Wir bekamen eine Führung, lernten einige Mitarbeiter kennen. Auch der CEO, Jürgen Frick, gab mir die Hand. Ein sympathischer Mann, sie waren alle sympathisch. Ein kleiner Familienbetrieb. Es wurde über die Gemälde gesprochen, die in den Büros hingen.
    Später verfasste ich den Artikel und fügte Foto und Statement von Jürgen Frick am Computer in die Zeitungsseite. Ein netter, gut aussehender, noch relativ junger Mann (er starb mit 48).
  • Ich verstehe ansatzweise wenn Menschen aus Wut und Verzweiflung jemandem weh tun wollen, der ihnen böses getan hat. Vergewaltiger, Mörder… aber Hermann tötete wegen Geld, das er so nicht zurückbekommen würde. Ruiniert war er nicht. Er hatte wohl noch ein Zuhause, hatte seine Familie, ein Auto… Es muss also doch eine gewisse Form von Geisteskrankheit vorhanden gewesen sein… ich las heute, dass ihm aus diesem Grund vor zwei Jahren alle Waffen abgenommen wurden. aber an eine Waffe zu kommen ist offenbar nicht allzu schwierig…
  • Welche Informationen hält die Polizei zurück?
  • Was ahnte die Familie des Täters? Wenn überhaupt dann können nur sie oder enge Freunde von Hermann irgendetwas mitbekommen haben. 
  • Was genau plante er und wie lange im Voraus?
  • Macht es wirklich Sinn, dass er noch weitere Menschen zu töten beabsichtigt? Als gesuchter Mann? Mit jedem weiteren Mord würden die Sicherheitsvorkehrungen bei den potentiellen Opfern noch steigen.
  • Könnte er geflüchtet sein ins Ausland, mit falschen Papieren? Hmm…
  • Was hat es mit der Homepage des Täters auf sich? Sie wurde zeitlich nach dem Fund des Autos aktualisiert. Wie kann das sein? (Im Voraus programmiert?)
    Nein, ich glaube er hat sich selbst gerichtet. Der Rhein (und dann der Bodensee) verschluckt vieles. Aber wer weiss…?
  • Nun da ich alles niedergeschrieben habe, glaube ich, soweit zur Ruhe kommen zu können… Es aufzuschreiben hilft. Das klingt als wäre ich betroffen, was ich nicht direkt bin, aber trifft es uns nicht alle irgendwie?

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